Was Pferde brauchen

Bedürftigkeit schafft Probleme

Die Bedürfnisse eines Pferdes zu kennen und zu erfüllen, löst oftmals schon einen wesentlichen Teil der Probleme im Umgang und beim Reiten bzw. lässt diese gar nicht erst entstehen. Umgekehrt sind viele Schwierigkeiten auf unerfüllte Bedürfnisse des Pferdes zurück zu führen. Darum geht es in diesem Artikel darum, was ein Pferd eigentlich braucht, um glücklich zu sein.

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1. Artgerechte Ernährung des Pferdes

Selbstverständlich gehört die Nahrungsaufnahme zu den Grundbedürfnissen eines Pferdes. Und obwohl sich "Futter und Wasser" so einfach anhören, scheint das Thema auf den zweiten Blick doch komplexer zu sein. Denn, um ein Pferd sowohl physisch als auch psychisch gesund zu erhalten, muss die Nahrungsaufnahme vor allem eines sein: artgerecht!

Was artgerecht ist, zeigt uns die Natur. Verhaltenswissenschaftler und Biologen dokumentieren und analysieren seit Jahrunderten das Leben des Tieres in freier Wildbahn. Aus ihren Erkenntnissen wurde abgeleitet, "was für eine Art gerecht" ist, und diesen Erkenntnissen hat jeder Mensch, der ein Tier in Gefangenschaft hält, zu folgen.

In der freien Natur fressen Pferde fast den ganzen Tag (von Ruhe- und Schlafphasen, Fortpflanzung und Flucht einmal abgesehen). Sie fressen sehr rohfaserreiches aber energiearmes Steppengras, während sie sich langsam fortbewegen. Auf diese Art der Nahrungsaufnahme ist nicht nur der ganze Körper des Pferdes abgestimmt, sondern auch seine Psyche.

Ein Pferd, das 3 x am Tag Heulage oder Silage plus Getreide bekommt, ist bereits in mehreren Punkten bedürftig:

Die Fresspausen sind zu lang. In der Folge entsteht nicht nur Langeweile (aus der oftmals schwere Verhaltensstörungen wie Weben, Boxenlaufen etc. werden), sondern auch ein Zuviel an Magensäure, welche die Magenschleimhäute angreift.

Das Futter ist das Gegenteil dessen, worauf der Verdauungstrakt des Pferdes eingestellt ist: viel Energie und wenig Rohfaser, dazu noch Stoffe, welche die ph Werte der verschiedenen Verdauungspassagen verschieben und das Milieu verändern. Die Folge ist eine Störung der Magen Darm Flora, eine Übersäuerung, eine Überlastung mit Giftstoffen und Verdauungsstörungen. Hierdurch wird wiederum der Stoffwechsel in Mitleidenschaft gezogen. Die Folgen sind Zivilisationskrankheiten wie Hufrehe und EMS, PSSM, aber auch angelaufene Beine, Kotwasser, Mauke, Allergien usw.
All diese Erkrankungen haben wiederum große Auswirkungen auf die Psyche: Pferde mit Magenschmerzen (oder anderen Schmerzen) sind oftmals wesentlich aggressiver und neigen stärker zu überschießenden Reaktionen als gesunde Pferde oder aber ziehen sich in sich selbst zurück und nehmen an Ihrer Umwelt keinen Anteil mehr (was ich fast schlimmer finde).

 

2. Artgerechte Haltung & Bewegung für Pferde

Die Futteraufnahme wie oben beschrieben erfolgt beim Pferd durch langsame Fortbewegung. Ein Pferd in freier Natur bewegt sich mindestens 16 Stunden am Tag langsam fort. Auch hierauf haben sich Körper & Seele eingestellt. Ein Pferd, das 21 Stunden in der Box steht, 2 Stunden auf einem Matschbaddock dümpelt und eine Stunde geritten wird, bekommt das Gegenteil von dem, was es braucht. Die Folge sind diverse Erkrankungen des Bewegungsapparats, Überfettung und daraus resultierende Beschwerden, sowie Verhaltensstörungen.

Wir dürfen eines nicht vergessen: Was wir lapidar "Langweile" nennen, wäre für uns ein Leben in absoluter Sinnlosigkeit. Wenn ein Pferd nicht grasen und nicht laufen darf, darf es kein Pferd mehr sein, und es gibt keinen Grund mehr, warum es auf der Welt ist. Viele Pferde werden depressiv und stumpfen ab. Andere versuchen dies zu kompensieren, indem sie unter dem Reiter oder an der Longe bocken, steigen, rennen usw. Sie sind zum einen überhaupt nicht ausgelastet und zum anderen komplett überfordert, das alle Anforderungen des Tages in einer Stunde abgeleistet werden müssen.

Typischerweise entstehen schwere Verhaltenstörungen durch die o.g. Haltungsform.

 

3. Pferdischer Sozialkontakt

Das Pferd ist ein Herdentier. Seine ganze Sicherheit, ja sein Überleben hängt in der freien Natur von der Herde ab. Nur gemeinsam schaffen sie alles, was sie müssen. Das Leben in der Herde ist komplex und in den Genen eines Pferdes festgeschrieben. Ein Pferd, das nicht mit anderen Pferden kommunizieren, spielen und Fellpflege betreiben darf, verliert einen weiteren wesentlichen Aspekt seiner Existenz.

Hinzu kommt, dass Pferde, die zu viel allein gehalten werden, kein vernünftiges Sozialverhalten lernen. Da sie aber beim Reiten, auf Turnieren, im Stall usw. immer mal auf andere Pferde treffen, kann dies ein großes Problem und vor allem Verletzungsrisiko sein.

 

4. Sicherheit  - eines der Grundbedürfnisse des Pferdes

Als Flucht- und Beutetier ist der Aspekt "Sicherheit" für ein Pferd besonders wichtig und gehört zu den wesentlichen Grundbedürfnissen. Ein Pferd, das vor Angst starr ist, kann weder essen noch trinken. Ein Pferd das ständig unter Stress steht und diesen Druck nicht abbauen kann (z.B. durch Bewegung und Sozialkontakt) kann sogar sterben.

Der Punkt "Sicherheit" führt uns wieder zum Punkt "Sozialkontakt". Denn in freier Natur bietet nur die Herde einem Pferd ein gewisses Maß an Sicherheit und auch Stressabbau. Da wir aber, selbst wenn wir unsere Pferde mit anderen zusammen halten, kaum mehr natürlich gewachsene Herden mit z.T. genetisch verwandten Tieren vorweisen können, wie es in der Natur der Fall ist, ist die Stabilität (und damit die Sicherheit) einer von Menschen zusammengestellten Herde schon deutlich geringer als in der Natur. In natürlichen stabilen Herden ist das Konfliktpotential erstaunlich gering und die Aggressionshandlungen äußerst selten. In unserer Obhut sind diese Anteile wesentlich größer - und somit auch der Stressfaktor.

Umso mehr Bedeutung kommt dem Sozialpartner Mensch zu. Bei solch schwierigen Bedingungen hat der Mensch einiges aufzufangen. Er muss dem Pferd die Sicherheit geben, die es braucht, um sowohl physisch als auch psychisch gesund zu bleiben oder zu werden. 

 

5. Kontinuität / Berechenbarkeit in einer unberechenbaren Welt

Das Leben als Fluchttier ist stressig genug. Ständig kann hinter der nächsten Ecke ein Raubtier auf einen Warten und einen in höchste Alarmbereitschaft versetzen. Darum müssen alle anderen Lebensbereiche dazu dienen, Stress abzubauen und Entspannung aufzubauen. Das geschieht durch Kontinuität. Diese macht das Leben (außerhalb der Flucht) berechenbar. Wildpferde finden diese Kontinuität in Ihrer Herde (wenn sie stabil ist), in ihrem Lebensraum und Umfeld. Domestizierte Pferde benötigen diese Kontinuität aber ebenso. Sie müssen sich auf Etwas einstellen, auf Etwas verlassen können. Das beginnt beim Umgang, bei der Erziehung und Führung des Pferdes. Das Pferd muss wissen, dass "Brrr!" wirklich immer halt heißt. Und nicht heute "Halt!", morgen "Hilfe!" und übermorgen "Achtung!" Das geht aber weiter bei der Haltung und Fütterung. Wenn man schon zu bestimmten Mahlzeiten füttert (was nicht artgerecht ist), dann muss auch zwingend zur gleichen Uhrzeit gefüttert werden, denn Pferde haben ein gutes Zeitgefühl. Wenn Pferde schon nicht den ganzen Tag freien Auslauf haben, dann sollte dieser immer zur gleichen Zeit gewährt werden - egal ob es draußen regnet oder nicht. Und so weiter. 

Das bedeutet nicht, dass Pferde nicht auch an viele neue Reize gewöhnt werden müssen! Das bedeutet aber, dass die Grundstruktur immer in etwa gleich bleiben sollte. 

 

6. Führung gibt Pferden Sicherheit & Ruhe

Wie bereits erwähnt, sind Pferde keine demokratisch denkenden Wesen, sondern leben in Herden mit sehr klaren Strukturen und Hierarchien, welche Ihnen Sicherheit gewähren. Führung, eine gute Führungsqualität bedeutet für die meisten Pferde vor allem eines: Sicherheit und Entspannung! Da Pferde nicht einmal fressen, wenn sie sich nicht sicher fühlen (wie oben erwähnt), ist Führung ein unheimlich wichtiger Bestandteil dessen, was Pferde brauchen. 

Zumindest die meisten von Ihnen. Denn natürlich gibt es geborene Leittiere, die selbst führen. Sie besitzen genau die Kombination an Eigenschaften, die man benötigt, um zu führen. Das bedeutet, dass sie weniger als die meisten anderen Pferde von Führung und Absicherung abhängig sind. Diese Pferde können sich selbst beschützen (auch wenn der Job wirklich sehr anstrengend ist und für den Menschen ziemlich unsicher). Wie das bei einer Herdenstruktur in Pyramidenform (oben steht in der Regel 1 Anführer, darunter finden sich alle anderen) aber immer so ist, ist die Menge an geborenen Anführern in der Pferdewelt relativ gering (auch wenn viele Pferdebesitzer das gern anders hätten). Die Masse an Pferden benötigt Führung also, um sich sicher und wohl zu fühlen.

Gute Führungsqualität zeigt sich u.a. in folgenden Eigenschaften, die ein Pferdepartner beherrschen oder erlernen sollte: Gute Wahrnehmungsfähigkeit, Kontrolle über die eigenen Emotionen, vorausschauendes und umsichtiges Denken und Handeln,  die Fähigkeit, schnell gute Entscheidungen zu treffen, gutes Timing, Durchsetzungsfähigkeit, Fairness, Wertschätzung anderer usw. 

 

7. Forderung und Aktivierung seiner Gehirn- und Gedächtnisleistung

Pensionspferdehaltung ist meist verknüpft mit einer gewissen Reizarmut. Das ist der häufigste Grund, warum Pferde scharren, gegen die Boxenwände oder -türen treten, bei jeder Bewegung im Raum wiehern, mit der Selbsttränke herumplätschern etc. Kurz: Viele dieser Pferde sind geistig einfach unterfordert. Bei Menschen würde man sagen, sie litten unter dem Bore-Out-Syndrom. Das Gehirn verlangt, gefordert und trainiert zu werden. (1 Stunde komplizierte Dressurlektionen am Tag reichen einem intelligenten Pferd nicht). 

Dabei ist es relativ einfach, dem Pferd immer neue Reize darzubieten. Man muss nur die Sinne des Pferdes einmal systematisch durchgehen und kreativ sein. Düfte sind z.B. eine sehr effektive Art, das Gehirn zu trainieren, da Pferde sehr geruchsorientierte Wesen sind (wenn auch nicht solche Spezialisten wie Hunde). Jeden Tag einen anderen Tropfen eines ätherischen Öles in die Box oder den Auslauf des Pferdes gegeben, machen schon einen großen Unterschied. Ähnlich kann man alle anderen Sinne des Pferdes ansprechen, ohne unbedingt täglich zum Gehirntraining anwesend zu sein (wobei das natürlich deutlich besser wäre für die Beziehung zu Ihrem Pferd). 

 

8. Leichtigkeit & Freude

Ich bin mir sicher, dass Pferde sich ebenso wie wir Leichtigkeit und Freude wünschen. Sie möchten auch einfach mal Spaß haben und neben dem Training Spielen und ausgelassen sein. Bei aller Verantwortung, die wir tragen, sollten wir diesen Aspekt nicht unter den Tisch fallen lassen. Denn nur ein fröhliches Pferd ist auch motiviert, mit uns zusammen zu arbeiten. Das Gute daran ist, es tut ja auch uns selbst mal gut, einfach nur Spaß zu haben und die Probleme des Alltags zu vergessen. 

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