Leben in freier Wildbahn

Wer ist das (Wild-) Pferd?

Obwohl das Pferd bereits seit dem 3. Jahrtausend vor Christus domestiziert und seit etwa 1200 v. Chr. geritten wird, ist die Zeitspanne neben uns Menschen vergleichsweise kurz, wenn man sich vor Augen hält, dass die ältesten bekannten Vorfahren des Pferdes (Eohippus) bereits vor 50 bis 60 Millionen Jahren diese Erde bevölkerte. In Millionen von Jahren hat sich das Pferd geformt und an die Umweltbedingungen seiner Erde und seiner biologische Nische angepasst. Natürlich hat auch die Zeit mit dem Menschen das Pferd etwas verändert, doch viel weniger als die meisten Menschen denken. 

Sein Gehirnvolumen ist etwas kleiner geworden, da es in Obhut des Menschen nicht mehr so vielfältige Aufgaben hat wie in der Natur. Durch züchterische Auswahl wurde die Menge an unterschiedlichen Fellfarben erhöht und der Körper an gewisse Funktionen angepasst. Doch der ganze Rest ist immer noch derselbe. Es ist darum äußerst wichtig, und das ist auch Aufgabe der Verhaltensforschung, die Bedürfnisse von Wildpferden zu verstehen, um daraus Schlüsse für die Haltung und den Umgang mit unseren domestizierten Pferden ziehen zu können. (Die heutigen tierschutzrechtlichen Grundlagen für die Haltung von Pferden entstammt den Erkenntnissen der Verhaltensforschung!)

 

Das Pferd ist: 

  • ein Pflanzenfresser
  • ein Flucht- und Beutetier
  • ein Herdentier

 

Und Kennzeichnend für Pferde ist u.a.:

  • non-verbale, bioenergetische, olfaktorische Kommunikation
  • Intuition / Gespür
  • Achtsamkeit
  • Furcht & Neugierde / Sicherheitsbewusstsein und -bedürfnis
  • Suche nach Struktur, Führung und sozialen Bindungen
  • geschlechtsspezifische Besonderheiten
  • Alpha-Gehirnwellenfrequenz


Das (Wild-)Pferd: Steppentier, Pflanzenfresser, Rohfaserspezialist

Dank der Ausrottung durch den Menschen gibt es echte Wildequiden heute nur noch in Afrika und Asien. (Das ist wichtig zu wissen für Verhaltensforscher und all jene, die deren Werke lesen. Denn der Einfluss des Menschen aus scheinbar wilddiebende Herden ist viel größer als gemeinhin gedacht und verändert Verhalten derart, dass dieses nicht mehr Vorbild für Normalverhalten sein darf.) Früher waren Pferde aber nahezu über den ganzen Globus verteilt, da sie fähig sind, sich den unterschiedlichsten Klimabedingungen anzupassen. Sie können sowohl in trockenen und heißen Gebieten als auch in gemäßigten und sogar in kalten Gegenden leben. Hauptsache, sie finden genug Nahrung. Und da das Pferd auf karges Steppengras spezialisiert ist, lebten Pferde stets auf Steppen.

Pferde sind nicht sesshaft. Statt dessen besitzen sie Streifgebiete, auf denen Sie umherziehen. Hierbei bewegen sie sich 50 bis 70 % des Tages fressend vorwärts und ruhen nur etwa 10 bis 15 % des Tages. Schnellere Bewegung zeigen Pferde nur etwa 3 bis 15 % des Tages! Da Pferde auch nachtaktiv sind, streifen sie auch nachts weiter. 

 

Das Pferd: ein Herdentier

Wildpferde leben ausnahmslos in Gruppen, demnach sind Pferde Herdentiere. Dies dient der Sicherheit und dem Überleben der Art, da Pferde keine nennenswerten Verteidigungsmechanismen haben außer der schnellen Flucht und dem Schutz der Gemeinschaft. 

Eine Herde besteht in der Regel (es gibt auch andere Herdenstrukturen) aus mehreren weiblichen Tieren, die einen gewissen Verwandtschaftsgrad miteinander haben, und einem oder ein paar männlichen Tieren. Der Hengst ist zu Fortpflanzungszwecken Bestandteil der Gruppe, übernimmt manchmal aber auch erzieherische Funktionen (selten) und beschützt die Herde. Für das soziale Gefüge spielt er allerdings meist kaum eine Rolle. Herdenchefin ist somit auch eine Stute, die Leitstute (selten auch mehrere). Sie führt die Gruppe an und sorgt für ein reibungsloses Miteinander. 

Die Leitstute hat das Recht als erste gedeckt zu werden, empfängt somit meist als erste ihr Fohlen und ebnet diesem so den Weg, später die gleiche Funktion als Führungskraft zu erreichen. Leitstuten sind darüber hinaus meist die intelligentesten, umsichtigsten, stärksten aber auch sensibelsten Pferde. Je feiner ihre Wahrnehmung desto besser das soziale Gefüge und desto sicherer die Gruppe. Jedes Tier in der Gruppe hat eine eigene Aufgabe und ist ein wertvoller Teil des ganzen Gefüges. (Pferde bewerten den Rang nicht, wie Menschen es tun. Darum sollten wir es auch nicht tun.)

Pferde schließen Freundschaften mit anderen Pferden. Diese Bindungen sind äußerst wichtig für die seelische Gesundheit, den Zusammenhalt der Gruppe und damit auch für das Überleben des Einzelnen bzw. der Art. Dabei ist die Rangordnung manchmal völlig außer Kraft gesetzt. So kann gelegentlich auch ein rangniederes Pferd durch die Freundschaft zu einem ranghohen "aufsteigen", indem es seinen Schutz genießt.

Junge Hengste verbleiben in der Regel nur so lange in der Geburtsherde bis sie entweder Anspruch auf den Deckhengst-Posten erheben oder sich eine eigene Herde suchen möchten. (Wenn sie den Deckhengst nicht übertrumpfen können, werden sie von diesem verscheucht. Manchmal übernehmen auch die Stuten diesen Job, um die Stabilität der Herde zu gewährleisten.) So entstehen neben den eben beschriebenen matriarchalen Herden auch "Junggesellen"-Herden, in denen die "Jungs" zusammen losziehen. Viele von ihnen werden nie eine eigene Herde haben - somit ist es für ihren Schutz sinnvoll, sich auch in einer Gruppe zusammen zu finden, welche auch wiederum eine hierarchische Struktur erhält. 

 

Die besondere Kommunikation von Pferden: Non-verbal, bioenergetisch & olfaktorisch

Wie bereits im Artikel "Wahrnehmung von Pferden" dargelegt, sind Pferde besonders gut darin, kleinste Bewegungen erkennen zu können. Das macht sie zu Meistern der Körpersprache, die manchmal so fein ist, dass sie dem ungeübten Auge gar nicht auffällt. Pferde lesen auch unsere Körpersprache, darum ist es wichtig, diese bewusst einzusetzen und sie nicht zum Verräter negativer Emotionen zu machen.

Weiterhin können Pferde eine Kommunikationsform nutzen, die man als Energieübertragung beschreiben kann und die bei allen Herden- und Schwarmtieren zu beobachtet ist. Diese Art der Kommunikation macht es möglich, dass sich viele Mitglieder einer Herde oder eines Schwarms nahezu zeitgleich bewegen und Muster bilden können.

Darüber hinaus spielt der Geruchssinn und der Absatz von Geruchsstoffen eine wichtige Rolle in der pferdischen Kommunikation. Die Naherkennung von Pferden läuft über den Geruch, die Mutter-Kind-Bindung läuft über Geruch, das vomeronasale Organ nimmt Pheromone auf, die für uns völlig geruchlos erscheinen, am Geruch des Kots können Pferde entscheiden ob der Verursacher männlich oder weiblich ist, wo der Zyklus gerade steht usw. Kurz, in Sachen Geruch haben die Pferde uns gegenüber wirklich die Nase vorn ;)

 

Intuition / Gespür des Pferdes 

Beobachtungen von Wildpferden durch Verhaltensforscher zeigen, dass nahende Feinde von Pferden bereits gespürt werden, bevor deren Sinne von ihnen überhaupt erst "Wind bekamen". Auf die gleiche Weise scheinen Pferde sich verändernde Umweltbedingungen wahrzunehmen, das Befinden von Freunden, die weit weg sind, usw. Kinder und manche weiterentwickelte Erwachsene zeigen das gleiche Gespür, das meiner Meinung nach in Jedem von uns angelegt ist. Unsere kopflastige Gesellschaft hat es nur bei vielen verschüttet. 

 

Achtsamkeit & Aufmerksamkeit

Ein Fluchttier muss achtsam und aufmerksam sein, seine ganze Umgebung mitbekommen, sonst würde es nicht überleben. Ein Raubtier muss das nicht zwingend (je nachdem wo es in der Nahrungskette steht), darum sind wir Menschen in Sachen Aufmerksamkeit nicht annähernd so gut ausgestattet wie das Pferd, für das dies eine Überlebensversicherung ist. Doch Pferde zeigen Aufmerksamkeit nicht nur im Funktionsbereich der Absicherung, sondern auch im Bereich des Spiels und der Rangordnung. 

Pferde spielen gern das Spiel "Du kannst mich nicht überraschen!", das Aufmerksamkeit wunderbar trainiert, aber auch rangordnungsbildend ist. Wenn ein Pferd es schafft, der Aufmerksamkeit eines andren Pferdes zu entgehen und es ihm gelingt, das andere zu überraschen, dann ist es der Sieger - im Spiel und auf die Rangordnung bezogen. Es tut uns Menschen also gut, dieses Spiel zu kennen, denn Pferde spielen es auch mit uns, wie ich verflach beobachten durfte. 

 

Furcht & Neugierde / Sicherheitsbewusstsein und -bedürfnis

Angst schützt alle Lebewesen davor, Dummheiten zu machen, die tödlich enden könnten. Da die Draufgänger schnell ausgestorben sind, hat sich die Angst schnell in die Gene eingegraben. Für ein Fluchttier ist Angst natürlich besonders wichtig. Wir Menschen sollten diese Emotion nicht bewerten. Wir tun sicherlich gut daran, wenn wir sie als Gegeben hinnehmen und mit ihr umzugehen lernen. Denn, wenn Pferde keine Angst haben, tritt etwas in den Vordergrund, was die Freundschaft zwischen Mensch und Pferd überhaupt erst möglich gemacht hat: die große Neugierde des Pferdes. Und diese Neugierde ist es auch, die Pferde schnell lernen lässt. 

 

Das Bedürfnis nach Kontinuität, Struktur, Führung und sozialen Bindungen

Das Gefühl der Sicherheit entsteht durch Berechenbarkeit (Kontinuität), starke soziale Bedingungen und eine Herdenstruktur, die möglichst großen Schutz für die einzelnen Herdenmitglieder gewährleisten kann - dazu gehört unbedingt eine starke Führung. 

In unserer menschlichen Umgebung ist das Pferd oftmals fremdgesteuert. Der Mensch entscheidet was, wann und wie geschieht. Die Herdenzusammenstellung wird selten in Hinsicht auf die Kompatibilität der Pferde vorgenommen. Weiterhin bleibt die Gruppe selten über viele Jahre konstant. Die Aufzucht berücksichtigt selten die natürlichen Entwicklungsstufen des Pferdes und auch nicht das bestmögliche Lernumfeld. Das Alles bedeutet für ein Pferd Stress. Wie stark dieser Stress werden kann, zeigt sich z.B. durch den Umstand, dass echte Verhaltensstörungen oft dann entstehen, wenn sich das Umfeld eines Pferdes zu radikal ändert, z.B. wenn Fohlen sogleich von der Mutter getrennt und in einen anderen Stall verkauft werden. Das  kann zu viel sein für die Pferdeseele und sie kann irreversiblen Schaden nehmen. 

Wir können nicht immer Alles beeinflussen, aber wir können dem Pferd Führung geben, gleichbleibende Tagesabläufe und starke soziale Bindungen ... und wenn wir einen sehr guten Stall finden, vielleicht sogar eine stabile herdenähnliche Pferdegemeinschaft.  

 

Geschlechtsspezifische Besonderheiten des Pferdes

Die Persönlichkeit des Pferdes wird unter anderem auch durch das Geschlecht beeinflusst. Hengste und Stuten haben sehr unterschiedliche Aufgaben innerhalb der Herde - das prägt ihre Persönlichkeit. Stuten sind meist für die sozialen Strukturen in der Herde zuständig. Sie erziehen, sie lehren und sie sanktionieren. Durch ihre Funktion in Hinsicht auf die Weitergabe von Wissen, sind domestizierte Stuten meist noch ursprüngliche als domestizierte Hengste oder Wallache. Die manchmal sehr herablassend beschriebene "Stutenzickigkeit" zeigt nichts anderes als ihre Ursprünglichkeit. 

Hengste verlassen mit Erreichen der Geschlechtsreife in der Regel die Herkunftsherde und schließen sich in sogenannten "Junggesellenherden" zusammen. Manche von ihnen versuchen irgendwann, einen alten Hengst zu vertreiben, um eine eigene Herde zu übernehmen oder den Platz eines verstorbenen Hengstes zu übernehmen - was nicht immer klappt und sowieso eher selten ist. Die meisten Hengste haben ihr Leben lang keine eigene Herde. Es ist also ein Trugschluss, dass Hengste ständig decken würden - insofern ist das Leben für Hengste auf Besamungsstationen kein natürliches. 

(Es gibt in jedem Bereich Ausnahmen und andere Herdenstrukturen. Ich habe mich auf die beschränkt, die am häufigsten zu beobachten sind. )

 

Alpha-Gehirnwellenfrequenz

Es gibt unterschiedliche Gehirnwellenfrequenzen. Wir Menschen befinden uns meist auf der Beta-Ebene, einer hohen Frequenz. Das liegt daran, dass wir im Prinzip ständig denken, uns gedanklich in der Zukunft oder der Vergangenheit befinden, ständig hin und her springen, usw.
Pferde befinden sich die meiste Zeit auf der Alpha-Gehirnwellenfrequenz, einer niedrigeren Frequenz, die entsteht, wenn man im Jetzt und Hier ist und sich auf seine Wahrnehmung konzentriert. Menschen, die meditieren, ist diese Frequenz sehr vertraut. 

 

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