Die Sprache der Pferde

Was will mein Pferd mir sagen?

In Sachen Kommunikation kann der Unterschied zwischen unseren Arten sehr groß und manchmal scheinbar unüberwindbar sein. Während der Mensch (zumindest bewusst) hauptsächlich anhand von Lauten (Sprache) kommuniziert, ist der Anteil an lauthaftem Ausdruck bei Pferden sehr gering. Pferde machen sich hauptsächlich durch Körpersprache und Gerüche verständlich.

Wir Menschen kommunizieren zwar auch unentwegt mit unserem Körper, sind uns aber hierüber oftmals nicht bewusst. Das ist ein großes Problem. Denn so erzählen wir dem Pferd unentwegt, wie es in uns aussieht, aber nicht unbedingt, was genau wir wollen - denn das regeln wir ja eigentlich immer durch unsere Sprache. Das Pferd sieht nun, dass wir auch mit unserem Körper sprechen und handelt danach. Außerdem geht es davon aus, dass wir seine Körpersprache ebenso gut lesen können - was oftmals nicht der Fall ist. Und schon stecken wir in den größten Missverständnissen und teilen jede Menge Ungerechtigkeiten aus... einfach nur, weil wir uns nicht so richtig verstehen können. 

Was müssen wir Menschen also machen? Da wir nicht verlangen können, dass das Pferd unsere Laut-Sprache lernt (könnten wir schon verlangen, es würde nur nicht funktionieren ;), und wir die Geruchssprache der Pferde nicht wahrnehmen können, bleibt uns nur der eine gemeinsame Nenner: die Körpersprache. Um diese benutzen zu können, müssen wir uns unserer eigenen erst einmal wieder bewusst werden und lernen, diese bewusst einzusetzen. Und dann müssen wir die arttypische Körpersprache des Pferdes lernen, um richtig deuten zu können, was unser Pferd uns mitteilen möchte. 

 

 

Die Sprache des Pferdes: 

 

1.) Mimik

Das Gesicht eines Pferdes spricht Bände, wenn man es zu deuten weiß. Besonders wichtig ist für das Verstehen die Beobachtung von Ohren, Maul und Nüstern. Die Öffnung des Ohres richtet sich meist auf das, was Aufmerksamkeit erregt, oder beide Ohren teilen sich zwei spannende Dinge. So können Pferdeohren, die überall sind, aber selten bei seinem Menschen, einen guten Hinweis darauf geben, wie es um die Beziehung zwischen beiden bestellt ist 

Beide Ohren nach vorn = sehr großes Interesse, Konzentration

Ohren dicht an den Hals angelegt = Aggression, aber auch Abwehr und Angst

Ohren zur Seite hängend = absolute Entspannung

Hin und her huschende Ohren = große Erregung, Besorgnis

keinerlei Ohrbewegung = Tiefschlaf oder starke Schmerzen

Geblähte Nüstern = Aufregung, Anstrengung, Atemnot

schmale Nüstern = Unsicherheit

nach hinten gezogene Nüstern = Aggression oder Abwehr (Drohgesicht)

schmale Nüstern, leicht nach hinten gezogen = Schmerzen

Alle mimischen Ausdrucksformen sind immer im Zusammenhang mit dem gesamten Körper zu betrachten. So hat z.B. die Schweifhaltung einen wesentlichen Einfluss darauf, ob eine bestimmte Mimik z.B. wirkliche Aggression oder nur abwehrende Angst zeigt. Den Unterschied zu erkennen, ist elementar, um angemessen reagieren zu können. Gerade bei diesem Beispiel wäre die falsche Reaktion fatal. 

In der Verhaltensforschung werden außerdem verschiedene "Gesichter" unterschieden. Das Drohgesicht z.B., aber auch das Rossigkeitsgesicht, das Begrüßungsgesicht, das Unterlegenheitskauen oder das Putzgesicht. 

 

2.) Beinbewegungen

Die Bewegung der Beine des Pferdes dient nicht ausschließlich nur zur Bewegung. Fast genauso wichtig sind die Bewegungen der Beine in der Kommunikation. Hier geht es meist darum, dass das Pferd den Abstand zwischen sich und einem anderen vergrößern möchte. Dies kann einen offensiven Charakter haben (z.B. drohen, angreifen) oder einen defensiven (Rückzug, sich in Sicherheit bringen). Beispiele hierzu sind z.B. das Schlagen mit dem Vorderbein bei Hengsten oder auch bei Stuten bei der Begrüßung. Oder das Ausschlagen, aber auch Steigen und das Androhen eines Schlags. 

Beinbewegungen zeigen Pferde aber auch z.B. um Insekten abzuwehren oder wenn sie Schmerzen haben (Tritte unter den Bauch bei Kolik). Manchmal sind Beinbewegungen auch eine Übersprungshandlung, die eigentlich einen ganz anderen Ursprung hat, wie das Scharren. Ursprünglich scharrten Pferde, um nach Wasser oder Pflanzenwurzeln zu graben. Heute scharren Pferde z.B. in Erwartung des Kraftfutters. 

3.) Bewegung allgemein

Wie sich ein Pferd bewegt, erzählt allen anderen ganz genau, was in ihm vorgeht. Ist es entspannt und lässt die Ohren wackeln, ist es sehr angespannt und starrt auf eine mögliche Bedrohung, flüchtet es gar oder greift es an. 

4.) Die Schweifhaltung

Die Schweifhaltung macht die Körpersprache des Pferdes erst komplett und gibt den letzten Hinweis darauf, was das Pferd uns sagen möchte. Ein eingeklemmter Schweif deutet auf Angst hin, ein schwingender Schweif zeigt Erregung, Unwohlsein oder Aggression an und ein hoch aufgestellter Schweif deutet auf Aufregung und Anspannung hin. Manche Rassen wie z.B. der Araber zeigen diese Schweifhaltung besonders oft während sie bei anderen Rassen extrem selten vorkommt. 

5.) Laute

Typische Laute, die Pferde zeigen sind: Wiehern, Brummeln, Qietschten. Hinzu kommen solche, die ohne Einsatz der Stimmbänder erzeugt werden wie Prusten, Husten, Schnauben etc. Da Pferde diese Laute in unterschiedlichen Situationen benutzen, können diese auch nur im Zusammenhang mit der Körpersprache richtet gedeutet werden. 

Wiehern = "Wo bist du?" oder "Hallo!" oder "Achtung Feind!"

Qietschen = wird bei Begrüßungen geäußert, meist in Kombination mit einem Vorhandschlag und geht dann in Richtung einer Klarstellung, wer welchen Rang inne hat (ist aber auch ganz normales Begrüßungsritual!). Ähnlich nutzen Hengste auch das Quietschen in Auseinandersetzungen. Außerdem ist dieser Laut Bestandteil des Paarungsvorspiels.  

Brummeln = ein sehr zärtliches und freudiges "Hallo!" Besonders häufig hört man es zwischen Mutter und Fohlen oder Hengst und rosiger Stute. 

6.) Berührungen

Berührungen sind in der Kommunikation zwischen Pferden äußerst wichtig! Das beginnt schon direkt nach der Geburt, wenn die Mutter das Fohlen ableckt und sanft Richtung Euter stupst. In der Erziehung spielen Berührungen außerdem eine wichtige Rolle. Wer nicht hört wird schon mal geknufft, gekniffen, geschupst oder sogar getreten. Junge Pferde untereinander berühren sich sehr viel beim Spiel. Später findet die Aufforderung zur sozialen Fellpflege durch Berührungen statt und auch die Abgrenzung zu anderen Pferden bzw. die Klarstellung der Rangordnung. 

Berührungen sind also für Pferde ebenso wichtig in der Kommunikation wie die Körpersprache. 

7.) Chemische Sprache / olfaktorische Kommunikation

Pferde erkennen einander am Geruch. Sie setzen bewusst Geruchsmarkierungen ein, können Pheromone freisetzen und diese durch Verwendung des vomeronasale Organ beim Flehmen aufnehmen. 

Düfte werden anhand von Körperausscheidungen hinterlassen, aber auch beim Wälzen und Scheuern. Stuten senden beruhigende Pheromone an ihr Fohlen aus. Hengste erkennen am Urin einer Stute, ob diese empfängnisbereit ist und am Kot anderer Pferde, ob es sich um eine Stute oder einen Hengst handelt. Pferde können sogar wie ein Hund der gerichtlichen Spur eines anderen Pferden folgen. 

Kurz: In Sachen Geruch sind uns Pferde Meilen voraus!

 

8.) Bioenergetische Kommunikation

Was macht, dass ein ganzer Schwarm, eine Herde sich nahezu gleichzeitig und synchron bewegt, nennt man Bioenergetische Kommunikation - eine Form der Energieübertragung. Eine der faszinierendsten Formen pferdischer Kommunikation. Ich habe es selbst mehrfach erlebt, wie mich dieser Impuls mitgerissen hat, ohne dass ich nur eine Zehntelsekunde Zeit gehabt hätte, darüber nachzudenken. Vielleicht kennen Sie es auch? Am einfachsten zu bemerken ist es, beim Erschrecken. 

Ich stand einmal inmitten einer Jungpferdeherde (etwa 15 männliche Pferde). Die einen waren mit Fressen beschäftigt, die anderen spielten und betrieben soziale Fellpflege, ich "unterhielt" mich mit dem Herdenführer... da erschrak ein am Rand stehendes Pferd aufgrund einer Bewegung im angrenzenden Wald. Die meisten von uns anderen hatten diese Bewegung gar nicht bewusst registriert. Aber wir sprangen alle zur gleichen Zeit zurück und erschraken mit einem Herzschlag. Das war eines der faszinierendsten Momente mit Pferden, das ich je hatte. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auch einmal in diesen Genuss kommen. Anschließend muss man ernsthaft hinterfragen, ob wir Menschen wirklich so schlau sind, wie wir immer denken ;)

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