Blog-Eintrag

Zucht & Aufzucht junger Pferde aus psychologischer Sicht

01.08.2016 - 11:53
von Herdis Hiller
(Kommentare: 2)

Die Weichen des jungen Pferdes werden bereits bei seiner Zeugung gestellt: Seine Gene werden zu einem wesentlichen Teil bestimmen, wer es später sein wird, wie es lernen möchte und wo seine Schwachstellen sind. Dies sollte uns bereits bei der Zucht bewusst sein. Die Entscheidung für einen bestimmten Hengst bzw. eine bestimmte Stute sollte darum meiner Meinung nach nicht nur nach ästhetischen, sportlichen und gesundheitlichen Standpunkten erfolgen, sondern immer auch in Hinsicht auf das sogenannte „Interieur“. Denn, …ich liebe zwar starke, komplexe und leicht paradoxe Pferde, aber die meisten Reiter tun dies nicht. Ein solches Pferd wird es in unserer vom Menschen geprägten Welt immer sehr schwer haben. Und das wünsche ich keinem Pferd. Ein in sich ruhendes, stabiles und nervenstarkes Pferd hingegen, wird sehr gut klar kommen, Freunde gewinnen und Spaß am Leben haben. 

Weiter geht es mit der Prägung des jungen Pferdes im Mutterleib. Ist die Mutterstute z.B. starkem und vor allem andauerndem Stress ausgesetzt, hat dies weitreichende Folgen für das Fohlen: Es wird bereits geschwächt zur Welt kommen, sein Immunsystem wird sich schlechter entwickeln, seine Knochen und sein Nervenkostüm werden weniger stabil sein und so weiter. Eine artgerechte Haltung und Fütterung der Mutterstute sowie ein berechenbarer und stressarmer Alltag in einer stabilen Herde sind darum nicht nur für die Mutter sondern auch für das Fohlen Gold wert. So werden schon im Mutterleib die richtigen Grundlagen geschaffen. 

Auch nach der Geburt sollte es so natürlich wie möglich weitergehen. Die ersten Tage und Wochen müssen der Mutter und ihrem Fohlen gehören, damit eine stabile und gute Bindung entstehen und das Fohlen normales Verhalten erlernen kann. Werden die beiden durch zu häufige Eingriffe des Menschen hierbei gestört (das „Imprinting“ ist eine besonders starke Form des menschlichen Eingriffs), kann dies zu Störungen in der Mutter-Kind-Bindung führen (im schlimmsten Fall verstößt die Mutter ihr Fohlen) und es kommt zu Verhaltensanomalien beim Fohlen. 

Ich empfinde es als Respekt vor der Natur und vor der Mutter-Kind-Bindung, der Stute und ihrem Fohlen zu Beginn ihre gemeinsame Zeit zu lassen. Wenn die Bindung stabil ist und das Fohlen beginnt, sich auch für andere Wesen zu interessieren (anstatt nur bei Mama am Rockzipfel zu hängen ;), ist die Zeit gekommen, in der wir uns einbringen können. Und ja, dann ist es auch wirklich sinnvoll, dem Fohlen bereits spielerisch all die Dinge zu zeigen, die es in der Menschenwelt später kennen muss: ein Halfter, Hufe geben, ins Maul gucken, der Geruch des Tierarztes usw. Denn in diesem Alter ist Lernen der Hauptjob eines Fohlens. Es wird nie wieder so selbstverständlich und so leicht lernen wie jetzt. Aber, wie gesagt, es muss von allein damit beginnen, sich auf andere zuzubewegen und Interesse bekunden. Erst dann sollten wir loslegen - mit sehr sehr kurzen Lerneinheiten und mit dem Ziel, es für das Fohlen spannend und spaßig zu gestalten.

Das Absetzen & das Aufwachsen

Viele Züchtern trennen Fohlen und Mutter zum Einstallen im Herbst, wenn die Fohlen um die 6 Monate alt sind. Anschließend werden die Jungpferde zusammen gestellt. 

Sowohl das frühe Absetzen als auch das Leben in einem Kindergarten ohne Aufsichtsperson und Erziehungsberechtigte ist nicht artgerecht und kann so früh bereits erhebliche Schäden (sowohl des Körpers als auch der Psyche) verursachen. 

Das Absetzen bedeutet für viele Fohlen ein Trauma, aus welchem sich eine ernsthafte Störung entwickeln kann (besonders, wenn sie kurz danach bereits verkauft werden und umziehen müssen). Und das Fehlen der erwachsenen Pferde als Bezugspersonen in dieser so wichtigen Zeit der Entwicklung führt zu großen Defiziten und Fehlentwicklungen im Verhalten. Meist ist diese Art des Aufwachsens der Grund, warum einige Pferde so erstaunlich asozial sind und kaum mit anderen Pferden vergesellschaftet werden können. Was für ein Herdentier natürlich eine Katastrophe ist. Bedeutet die Herde doch die größte Ruhe und Sicherheit für ein Pferd. 

 

Mit der Fütterung geht es weiter: 

Was für erwachsene Pferde gilt, gilt für Fohlen und Jungpferde noch viel mehr. Nur artgerechtes Futter erhält und stärkt Gesundheit und Psyche. Das heißt ein hoher Rohfaseranteil und ein niedriger Energiegehalt. Die Praktik, Jungpferden besonders viel komprimiertes Futter mit viel Energie und wenig Rohfaseranteil zu füttern (damit das Pferd „groß und stark wird“) ist leider eine fatale Vermenschlichung und kann großen Schaden anrichten. Studien haben inzwischen lange belegt, dass diese Futtermittel z.B. Koppen auslösen und das Pferd zu einem lebenslangen Kopper machen können - irreversibel. 

Pferde sind Steppentiere und haben sich in Jahrtausenden der Evolution an diese karge Landschaft angepasst. Ihr ganzer Körper verlangt nach viel Rohfaser und wenig Energie. Nachdem das Fohlen keine Muttermilch mehr zu sich nimmt, frisst es das gleiche karge Futter wie die erwachsenen Pferde. Und es wächst wunderbar heran. 

 

Und zu guter letzt das Thema Bewegung & Einreiten:

In freier Natur bewegen sich die Jungpferde mit der Herde mit - meist langsam, grasend, etwa 16 Stunden am Tag. Diese Dauer und Art der Bewegung sorgt für ein intaktes Herzkreislaufsystem, einen gesunden Stoffwechsel und stabile Atemwege sowie einen kräftigen Bewegungsapparat. Darum sollte uns auch hier die Natur ein Vorbild sein in Sachen Haltung & Bewegung von Fohlen und Jungpferden. Denn durch falsche Haltung entstandene körperliche oder psychische Schäden (z.B. Weben, Boxenlaufen) sind im erwachsenen Alter meist nicht mehr rückgängig zu machen. 

 

Zu einer sinnvollen Art der Bewegung, die Rücksicht nimmt auf die körperlichen Bedürfnisse des Jungpferdes gehört natürlich auch der richtige Zeitpunkt fürs Einreiten. Hier genügt der Blick auf das Skelett des Pferdes und der Hinweis, dass sich die letzten Wachstumsfugen erst mit ca. 6 Jahren schließen - und das, an der für das Reiten heikelsten Stelle: der Wirbelsäule.

Einreiten mit 2,5 Jahren ist danach das beste Rezept für ein kurzes Pferdeleben. 

 

Auf der anderen Seite dürfen wir die Lernphase nicht verpassen, in der das junge Pferd noch voller Neugierde und Optimismus auf alles neue reagiert. Diese Phase befindet sich bei den meisten Pferden so im 3. Lebensjahr. Bei sich späteren entwickelnden Rassen oder Individuen kann diese Phase aber auch noch mit 4 Jahren stark ausgeprägt sein. Nach Vollendung des 4. Lebensjahres nimmt die Neugierde allerdings deutlich ab. Was Pferde bis an diesen Punkt nicht gelernt haben, werden sie später natürlich immer noch lernen können, allerdings werden sie hierzu länger brauchen und für sie evtl. deutlich mehr Stress bedeuten. 

Als Kompromiss zwischen diesen Gegensätzen empfehle ich, das Jungpferd spielerisch aber so früh wie möglich mit all den Dingen vertraut zu machen, die es später kennen muss. Es spricht nichts dagegen, ein 2,5 Jahre altes Pferd mit einem Sattel, mit Zaumzeug, usw vertraut zu machen. Im Gegenteil. Nutzen Sie die Phase der Neugierde für alles, was den Körper nicht belastet. Vom Boden aus kann Ihr Jungpferd schon alles wissen, was später wichtig ist. 

Ich persönlich habe meine kleine Stute dann mit 4,5 eingeritten - den genauen Zeitpunkt sagt Ihnen Ihr Pferd; und dieser ist sehr individuell. Bis 6 sollte der Pferdekörper allerdings nur sehr wenig belastet werden. Das heißt: nur sehr kurze Reiteinheiten, die mehr eine Gewöhnung denn „richtiges Reiten“ sind. Und auch nur ganz wenig Longenarbeit im Kreis. Statt dessen ist es großartig für die Gewöhnung und die Beziehung gemeinsam Spazieren zu gehen, nebenbei einfach mal einen Ausflug in den Pferdehänger zu machen, Doppelllonge oder Clickern beizubringen, „Gespenster-Training“ zu machen, das Gehirn mit verschiedenen Duftstoffen zu fordern und so weiter. Und dem jungen Pferd vor allem ganz viel Zeit mit gleichaltrigen und erwachsenen Pferden sowie freien Auslauf zu gönnen. 

Die ersten Lebensjahre eines Pferdes sind die, in denen es am meisten aufnehmen und lernen kann, die seinen Körper und sein Verhalten am meisten prägen, und damit die wichtigsten Jahre für sein ganzes Pferdeleben. Schaffen wir es, unserem Fohlen & Jungpferd ein artgerechtes Leben und Aufwachsen zu ermöglichen, tun wir das Beste, was wir für ein Pferd tun können: Wir schenken ihm den Schlüssel zu einem langen, glücklichen und gesunden Leben. 

Und das ist doch unser Job, oder? ;) 

 

 

 

 

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Kommentar von Pferdeflüsterei |

Liebe Herdis, seit Wochen sitze ich an einem Artikel zu genau diesem Thema und du hast es so perfekt auf den Punkt gebracht, dass ich jetzt schon weiß, dass dieser Text hier unbedingt verlinkt werden muss. da steckt alles drin, was man wissen muss - damit endlich diese Praxis aufhört, junge Pferde schon mit 2,5 und 3 Jahren komplett zu reiten. Denn das ist das, was auch ich von verschiedenen Trainern gehört habe. Wenn man aber einmal anfängt zu recherchieren, was in welchem Alter in der Pferdeanatomie fertig ist, dann spätestens sollte man merken, dass wir nicht zu früh anfangen sollten. Und außerdem macht die Arbeit am Boden auch so wahnsinnig viel Spaß. Ganz liebe Grüße und danke für diesen wunderbaren Artikel, Petra

Kommentar von Herdis Hiller |

Liebe Petra,

Vielen Dank für Deine lieben Zeilen! Schön, dass Dir der Artikel gefällt! :) <3
Ich freue mich auf Deinen Link!

Ganz liebe Grüße

Herdis

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