Blog-Eintrag

Widersetzlichkeit bei Pferden

29.07.2014 - 16:44
von Herdis Hiller
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DIE GRÜNDE VERSTEHEN

In jedem Reitstall, jedem Pensionsstall und sogar bei Profis ist es zu beobachten: Pferden gehen nach links, wenn der Reiter nach rechts möchte. Pferden reißen sich los und stürmen auf die Weide. Pferde treten auf die Füße Ihrer Betreuer. Pferde steigen, buckeln, gehen durch oder verweigern das Vorwärtsgehen  - unter dem Sattel, an der Longe, beim Führen. Das zu beobachten, könnte zu dem Schluss führen, Pferde seien Wesen, die uns Menschen das Leben schwer machen wollten und die unberechenbar seien. 

Um aber wirklich zu erkennen, was da los ist, hilft es immer, einen Blick auf die wilden Verwandten und Vorfahren unserer domestizierten Pferde zu werfen. Gibt es dort Widersetzlichkeit so wie bei uns?

Wenn Sie als Ethologe, also als Wissenschaftler, der das Verhalten von Tieren untersucht, eine stabile Wildpferdeherde beobachten, werden Sie feststellen, dass Pferde den größten Teil Ihres Tages mit der Nahrungsaufnahme in langsamer Fortbewegung verbringen. Selten ist es nötig, einzelne Herdenmitglieder „zurecht zu weisen“. Und wenn überhaupt, geschieht dies durch minimale Gesten, die ein ungeübtes Auge überhaupt nicht wahrnimmt. Pferde, die sich widersetzen, so wie wir es kennen, werden Sie nicht sehen. 

Woran liegt das? 

Eine Herde hat eine ganz klar geregelte Struktur. Stabile Herden bestehen oft aus teilweise genetisch verwandten Tieren, die schon sehr lange zusammen leben und sehr tiefe Freundschaften geschlossen haben. Und sie leben in dieser Gemeinschaft, weil diese ihnen Sicherheit bietet, das Überleben sichert. Und da Pferde Beutetiere und Fluchttiere sind, ist „Sicherheit“ eines der größten Bedürfnisse eines Pferdes. Ich habe einmal eine kleine Herde domestizierter Pferde beobachtet, neben deren Weide Buschwerk abgebrannt wurde. Ein Pferd allein wäre in Panik durch den Zaun gebrochen - und ich sah schon das eine oder andere geweitete Auge. Doch diese kleine Herde graste einfach weiter - sie rückten nur enger zusammen. Das ist der Unterschied zwischen der Sicherheit einer Herde und der Todesangst eines Pferdes, das allein ist. Denn fast jedes Pferd ist instinktiv davon überzeugt, dass es allein umkommen wird.

Doch was hat das mit Widersetzlichkeit zu tun?

Ganz einfach. Die Gemeinschaft und Struktur der Herde schenken dem Pferd Sicherheit und Vertrauen. Es weiß, wo es steht und wohin es gehört. Und es fühlt sich beschützt von seiner Herde. Es gibt also keinen Grund, sich zu widersetzen. Ein Pferd, dass sich den Anordnungen der Leitstute ernsthaft widersetzte, würde aus der Herde ausgestoßen und wäre damit dem Tode geweiht. 

Bei uns, in der Welt des Menschen, haben die wenigsten Pferde das Glück, in einer solchen Herdenstruktur zu leben. Und selbst wenn es auf einer großen Weide mit anderen Pferden laufen darf, sind dessen Weidenbegleiter willkürlich zusammengewürfelt. Es gibt keine lange gemeinsame Vergangenheit, weil ständige Fluktuation diese künstlichen Herden bestimmt. 

Die einzige Konstante ist in der Regel der Pferdebesitzer. Wenn wir uns also die Natur des Pferdes ansehen, dann trägt die ganze Last der Herde nun dieser eine Mensch. Dieser Mensch muss dem Pferd die Sicherheit geben, die es so dringend braucht. Dieser Mensch muss eine Leitstute ersetzen, die das Pferd auf sicheren Wegen führt, anleitet und unterstützt. Dieser Mensch muss die tiefe Bindung und Freundschaft alter Beziehungen ersetzen und auch die Sicherheit einer Herde vermitteln.

Wenn der Mensch diese Lücke nicht ausfüllt, entstehen Angst, Unsicherheit und Misstrauen. Die Folge sind überschießende Reaktionen und Widersetzlichkeiten. Und hier ist der Knackpunkt, an dem es oftmals schief läuft. Viele Menschen sind mit dem natürlichen Verhalten des Pferdes nicht so stark vertraut. Darum nehmen sie die Widersetzlichkeit des Pferdes persönlich. Sie denken, das Pferd wolle sie ärgern oder einfach nicht gehorchen. Doch das ist eine Vermenschlichung des Pferdes, die nicht zutreffend ist.

Wenn wir denken, dass unser Pferd heute einfach nicht gehorchen oder uns „austesten“ oder ärgern will, werden wir sauer. Das Pferd versteht die Wut nicht. Noch mehr: Wut ist eine Emotion, die den Menschen degradiert, denn die Wut macht ihn blind und unfähig zu führen. Das Pferd selbst ist also unsicher und nun hat es auch noch einen wütenden Menschen am Ende des Stricks hängen, der ihm keine Sicherheit weil keine Führung bieten kann. Das ist der Supergau für ein Beutetier: Es ist nämlich gerade ganz allein! Ein Teufelskreis beginnt. Die Emotionen schaukeln sich auf. Und nun besteht sowohl für den Menschen als auch für das Pferd ernsthafte Gefahr an Leib und Leben. 

Fazit

Widersetzlichkeit ist ein Symptom fehlender Sicherheit und Führung. Wir werden Widersetzlichkeit also nur los, wenn wir dem Pferd das bieten, was es braucht. Und das können wir nur, wenn wir ein guter, gerechter, sanfter aber konsequenter Herdenführer werden, und die Signale des Pferdes richtig zu deuten lernen.

 

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