Blog-Eintrag

Welchen Einfluß die Haltung auf das Pferdeverhalten hat

28.04.2020 - 14:22
von Herdis Hiller
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Kaum ein Aspekt im Pferdeleben hat so viel Einfluss auf das Verhalten wie die Haltung und Fütterung. Das geht soweit, dass sich fast alle echten Verhaltensstörungen wie Koppen, Weben, Boxenlaufen, Stangenbeißen auf diesen Aspekt zurückführen und somit auch nur durch eine Änderung dieses Aspekts heilen lassen (soweit das Gehirn noch nicht irreversibel verändert ist). Doch viel häufiger sind kleine Verhaltensänderungen, die der Mensch fälschlicherweise als Teil der natürlichen Pferdepersönlichkeit betrachtet: 

 

Verhalten in der Boxenhaltung

In der Boxenhaltung ist zum Beispiel oftmals ein bestimmter Verhaltenstypus zu bemerken, den die Reiter fälschlicherweise der Sportlichkeit oder dem Blutbestandteil der Rasse zuschreiben und der unter einigen Sportreitern sogar gewünscht ist: Gemeint sind ständig unter Druck & Dampf stehende Pferde, deren Zündschnur besonders kurz ist und schnell explodiert, die (je nach Erziehung) auch beim Putzen hippelig sind und beim Schrittreiten mit dem Kopf schlagen usw. Wenn diese Pferde aufs Paddock oder auf die Weide kommen, dann gibt es oftmals kein Halten mehr: Lospreschen, Buckeln, Steigen,… das volle Programm der aufwendigsten Bewegungsformen, die das Pferd zu bieten hat. 

Kein Wunder, dass manche Sportreiter ihre Pferde aus Angst vor Verletzungen gar nicht mehr rausstellen.

Menschen haben sich so sehr an diese Verhaltensauffälligkeiten gewöhnt, dass ihnen gar nicht mehr in den Sinn kommt, diese zu hinterfragen. Im Gegenteil, in den sozialen Medien werden sich wild auf dem Paddock gebärdende Pferde geteilt mit den Kommentaren des Besitzers, der sich über so viel Kraft, Lebensfreude und Spiellust freut.

 

Was manche für Lebensfreude halten, ist oftmals einfach Stresskompensation

Wenn Jemand mit geübtem Auge und Wissen über Verhalten durch diese Ställe geht, sieht und spürt er oder sie aber etwas anderes: Statt Lebensfreude und Spiellust gibt es tausende Anzeichen für Stress und oftmals auch schon krankhafte Manifestationen dessen. Denn tatsächlich leiden viele dieser Pferde einfach unter einem chronischen Bewegungsmangel oftmals gepaart mit einem übersäuerten Magen und Magenschmerzen. 

16 Stunden muss sich das Lebewesen Pferd am Tag frei bewegen und nahezu durchgehend rohfaserreiche und energiearme Nahrung aufnehmen, um seiner Art gerecht zu leben. Das sind die elementaren Grundbedürfnisse der Gattung „Pferd“. Werden diese nicht erfüllt, beginnt Stress. Werden diese dauerhaft nicht erfüllt, entsteht chronischer Stress. Und aus chronischem Stress entstehen Krankheiten. Keine Erfindung sondern tausendfach wissenschaftlich nachgewiesen. 

Diese negativen Verhaltensänderungen fallen den meisten Pferdebesitzern nicht auf, denn sie kommen so langsam und schleichend, gerade, wenn die Pferde immer in dieser Haltungsform leben, dass der Mensch denkt, sie seien normal. Der Besitzer bekommt erst dann ein Problem, wenn das Pferd die mangelhaften Bedingungen nicht mehr kompensieren kann und er es plötzlich mit Magengeschwüren, Gastritis, COB, wiederkehrenden Koliken oder Sehnenverletzungen, Verhaltensstörungen usw. zu tun bekommt. 

 

Doch, was bedeutet eine annähernd artgerechte Haltungsform für das Verhalten des Pferdes?

Auch dies ist nicht unproblematisch - vor allem für Pferdebesitzer, die mit Boxenhaltung „groß geworden“ sind. Denn mit der Haltung ändert sich nahezu alles: 

Die vermehrte Bewegung führt zu Beginn dazu, dass viele Pferde stark abnehmen und dass das Hufhorn stärker abgerieben und ggf brüchig wird. Und, dass die Pferde müder sind als sonst. Eigentlich überhaupt nicht verwunderlich, denn diese Umstellung ist, als hätten wir 10 Jahre am Schreibtisch gearbeitet und nun sollten nun 8 Stunden am Tag in Bewegung sein. Jeder von uns weiß, was passiert. Die ersten Wochen sind die Hölle: Jeder einzelne Muskel tut weh, über den schnellen Gewichtsverlust kann man sich gar nicht so recht freuen, weil man sofort nach Feierabend nur noch todmüde ins Bett fällt und vom Rest der Welt nichts mehr wissen will. Wer von uns käme dann noch auf die Idee, nach Feierabend ne Stunde Sport zu machen? Keiner. 

Vom Pferd wird aber genau das erwartet. Die Haltung wird umgestellt als wäre es nichts, und wenn das Pferd dann keine Lust mehr auf Reiten hat, beginnt der Mensch entweder sich Sorgen zu machen oder ist frustriert.

 

Was ist die Alternative? Stellen wir das Pferd also lieber wieder in die Box?

Bleiben wir mal beim Vergleich mit dem Menschen: Diversen Studien und allen Krankenkassen zufolge sind die Volksleiden No. 1 Rückenprobleme, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Einschränkungen. Alle 3 lassen sich der gleichen Quellen zufolge auf Büroarbeit zurückführen. Kurz, wenig Bewegung, ungesund essen und kaum natürliche Reize machen uns Menschen an Körper und Seele krank. Wenn wir es uns also aussuchen könnten und es den blöden Schweinehund nicht gäbe, was wäre besser für uns: Büroarbeit oder eine ausgewogene körperliche Arbeit kombiniert mit Denksport?

Kann die Box also eine wirkliche Alternative sein? Langfristig? 

Ich sage ganz klar: nein!

 

Aber wir Menschen müssen wissen und verstehen, was eine Haltungsänderung mit unseren Pferden macht.

Und dann müssen wir dies richtig einordnen und akzeptieren lernen. Wenn wir dann noch ein bisschen Geduld haben und unsere sportlichen Ambitionen eine Zeit lang zurückstellen können, werden wir einen Tages hochgradig glücklich sein mit dem Ergebnis. Denn  das Ergebnis wird ein gesünderes und vor allem glücklicheres Pferd sein. 

Doch viele kommen gar nicht erst dort hin. 

Denn nach der ersten Verhaltensänderung, die sich vor allem durch Müdigkeit, fehlende Motivation und Interesse am Menschen zeigt, kommt die zweite Stufe der Verhaltensänderung: 

Wenn der Körper und der Geist sich an die veränderten Anforderungen gewöhnt haben, wenn die Kondition erheblich gestiegen ist und sich die richtigen Muskelgruppen aufgebaut haben, wenn der Geist weiß, dass es immer zu Fressen geben wird und die Nahrung eingeteilt werden kann, wenn das Pferd seinen einzigartigen Platz in der Herde gefunden hat und seinen Job ausüben kann, wenn es sich dort zuhause und geborgen fühlt… ja, dann verändert sich vermeintlich der ganze Charakter des Pferdes: 

Es ist nämlich und vielleicht zum ersten Mal im Leben wirklich entspannt und ausgeglichen. Und das führt dazu, dass es nun beginnt, seine eigentliche Persönlichkeit zu zeigen und zu entwickeln. Vieles, was zuvor zu sehen war von diesem Pferd, diente lediglich dem Umgang mit Stress (im ersten Schritt) und der Umstellung auf veränderte Lebensbedingungen (im zweiten Schritt). Weder das explodierende Pferd noch das abgrundtief müde Pferd waren Teil der Persönlichkeit des Pferdes, sondern ausschließlich eine Reaktion auf die Lebensbedingungen. Jetzt zeigt sich erst, wer das Pferd wirklich ist. 

Manche zuvor extrem hippeligen Pferde werden zu total gelassene Wesen mit einem gewissen Phlegmatismus. Manche Pferde werden plötzlich frech und vorwitzig. Andere werden mutig und steigen plötzlich im Rang. Wieder andere werden zum neugierigen Klassenclown und nehmen sämtliche Gerätschaften auseinander, die wir Menschen so brauchen. Manchen Stuten werden plötzlich extrem „zickig“, manche Walache „hengstig“… Und so weiter. 

 

Erst wenn artgerechte Bedingungen herrschen und der Stresspegel sinkt, zeigen Pferde ihre wahre Persönlichkeit

Diese Veränderungen sind für viele Menschen schwer zu verstehen und werden auch nicht immer gerne gesehen… hatte man sich doch an den Trauerkloß oder die Dynamitstange gewöhnt… Nun muss man ja wieder ganz von vorn lernen und schauen, wie man mit diesem „neuen alten Wesen“ umgeht. Musste ich vorher immer bremsen, muss ich heute motivieren lernen. Musste ich früher immer antreiben, muss ich heute jede Minute auf der Hut sein. Das ist unbequem, denn es bedeutet, dass wir Menschen Gewohnheiten über Bord schmeißen und uns selbst weiterentwickeln müssen. Und nicht jeder hält das durch. 

Für mich persönlich gibt es nichts Schöneres als diese Entwicklung zu sehen und ich freue mich riesig, wenn am Ende ein starker und einzigartiger Charakter dasteht, dem es einfach gut geht. 

Ja, artgerecht für Pferde ist unbequem für Menschen: Wir müssen weiter laufen, um unsere Pferde zum Reiten zu holen. Wir können nicht immer reiten, wenn wir wollen. Wir haben mit den Auswirkungen von Wetter und Herdendynamik zu tun. Und unser Pferd ist nicht mehr so stark angewiesen auf uns und unser Status sinkt auf ein natürliches Niveau. Was wiederum bedeutet, dass jetzt wir aus dem Quark kommen müssen. Denn jetzt zeigt sich, wie es um unsere Qualitäten und Fähigkeiten steht, andere motivierten zu können und wie gut unsere Beziehung zum Pferd wirklich ist. Wenn wir das Wasser in der Wüste sind, dann ist es leicht für uns, angehimmelt zu werden. Wenn wir aber eine Blume von vielen sind, dann müssen wir uns etwas zum Himmel strecken…

Wenn Boxenhaltungs-Reiter an den Trails auf unserem Hof vorbei laufen, sehen sie möglicherweise unsportliche, langweilige und temperamentlose Pferde… Wenn ich an unseren Trails vorbei gehe, dann sehe ich hochgradig ausgeglichene, entspannte und glückliche Pferde… Und ich möchte niemals tauschen!

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