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Was tun im Notfall?

05.02.2017 - 11:17
von Herdis Hiller
(Kommentare: 1)

Ich wünsche Niemandem eine echte Notsituation mit seinem Pferd! Und wir wollen da auch gar nicht lange drüber nachdenken. Aber wenn wir einmal kurz gehört haben, wie wir uns verhalten müssen, damit es gut ausgehen kann, können wir dieses Wissen abrufen, sollten wir doch einmal in eine solche Situation kommen. Darum schildere ich Euch heute einen Weg, wie ihr das Blatt wenden könnt.

 

Was meine ich mit echten Notfällen mit dem Pferd?

Da ich kein Tierarzt bin, geht es mir nicht um den medizinischen Aspekt. Leider gibt es bei einem Fluchttier aber Verhaltensaspekt, der gerade im Notfall ein echtes Problem werden kann: Panik. 

Wenn ein Pferd zum Beispiel einen Unfall hat und schwer verletzt ist, kann es sein, dass es so sehr in Panik ist (und traumarisiert), dass es keinen Helfer an sich heran lässt. (Der Albtraum für jeden Pferdebesitzer!) Da kann das Leben des Pferdes (und das der Helfer) schon mal davon abhängen, dass sich alle Menschen drum herum richtig verhalten.

 

Was in einer Notsituation in uns passiert

Ziel in einer solchen Situation ist ja, dass wir es schaffen, das Pferd so sehr zu beruhigen, dass ihm geholfen werden kann. Doch während ich diese Sätze schreibe und während ihr diese Sätze lest, entstehen in mir und sicherlich auch in Euch Emotionen. Wenn ich an eine solche Situation denke, dann ist mein Körper erfüllt von Adrenalin, Angst, Schmerz und dem furchtbaren Gefühl von Kontrollverlust. Und genau das sind die Gefühle & Hormone, welche in Notsituationen meist aufkommen. Die Emotionen sind irre stark und können uns überschwemmen, wenn wir nicht aufpassen. 

Das Problem ist, dass diese (ganz natürlichen) Gefühle, die Panik und das Trauma das Pferdes verstärken und gleichzeitig uns selbst unfähig machen pragmatisch zu helfen. 

 

Kehren wir kurz zurück zu den Grundlagen: Pferde sind Herdentiere, kaum etwas ist für sie so wichtig, wie die Gemeinschaft. Darum sind sie innerlich sehr eng verbunden: Emotionen übertragen sich automatisch von einem auf den anderen, sodass alle nahezu zeitgleich reagieren können (Schwarm-Effekt). Hat ein Pferd ein Raubtier entdeckt, steigt in ihm Panik hoch. Nahezu zeitgleich überträgt sich die Panik auf die anderen Herdenmitglieder und sie flüchten gemeinsam - die meisten, ohne den Feind überhaupt selbst gesehen zu haben. 

Was passiert also in einer Unfall- oder Verletzungssituation?

Das Pferd bekommt Angst um sein Leben, fühlt den Kontrollverlust und bekommt ggf Panik. Diese Panik überträgt sich auf uns. Zusätzlich bekommen wir selbst auch noch eigene Panik, da wir ebenso Angst haben um das Leben des Pferdes und den Kontrollverlust wahrnehmen. Dann spielen wir Pingpong mit der Panik (sie geht zwischen uns und dem Pferd hin und her) und wird dabei stärker und stärker. 

Einer von beiden muss den Ball aufhalten und auf den Boden legen! Von einem Fluchttier können wir dies nicht erwarten. Es gibt also nur eine einzige Möglichkeit: WIR müssen den Panikkreislauf stoppen!

 

Wie verhalte ich mich richtig, wenn Panik & Trauma lebensrettende Maßnahmen unmöglich machen?

Das Gute ist, wir können den Kreislauf an jeder möglichen Stelle stoppen. Also nehmen wir die „Einfachste“: wir stoppen die Panik in uns (und in allen Menschen drum herum!)

Dazu bedarf es eines sehr harten und starken „STOP!“ in uns. Aber Achtung: Dabei geht es nicht darum, die Panik anzuhalten! (Denn wer versucht ein Gefühl zu unterdrücken, macht es damit unbewusst immer mächtiger!) Wir stoppen nur unsere Gedanken (, die wiederum Panik auslösen). Wir erlauben uns keinen einzigen Gedanken mehr! STOP! Und dann fokussieren wir unser Gehirn sofort auf etwas anderes. Denn der Kopf muss etwas anderes zu tun haben, sonst wird es den Gedankenstop nicht durchhalten können. 

Statt panikauslösende Gedanken zu denken, konzentrieren wir uns als erstes auf unseren Atem. Alle Aufmerksamkeit richten wir auf unseren Atem. Wir atmen ganz tief in unseren Bauch und beobachten passiv, wie dieser sich hebt und senkt. 

 

Wenn das funktioniert, stellen wir uns vor, wir wären an einem sonnigen, geschützten und entspannenden Ort (vielleicht an unserem liebsten Urlaubsort), säßen dort zum Beispiel am Strand, die Füße im warmen Wasser, eine leichte Brise, die so wunderbar nach Meer schmeckt, in unserem Haar - Vögelgezwitscher. (Nehmt jeden Sinn mit: stellt euch das Bild vor, die Geräusche, die Gerüche, das Hautgefühl und die dazugehörige Emotion). Und während ich das schreibe und während ihr das lest, merke ich und ihr vielleicht auch, wie wir ruhiger werden. 

 

Das ist alles. So leicht und doch so unendlich schwer. 

 

Wenn Ihr innerlich an diesem warmen, geschützten Ort seid, und es schafft dort zu bleiben, auch wenn ihr die Augen öffnet, dann könnt ihr nun alle Helfer instruieren, das Gleiche zu tun. Holt so viele (innerlich stabile) Menschen (Schaulustige / Unbeteiligte) wie möglich, und bittet sie, sich in einem weiten Kreis um den Unfallort herum zu setzen, mit dem Rücken zum Geschehen und sich nur auf diese Gedankenreise und diesen schönen, inneren Ort zu konzentrieren.

 

Das bedeutet leider aber auch folgendes: Wenn Ihr selbst es nicht schaffen solltet, diese innere Ruhe zu finden (was keine Schande ist, sondern einfach sehr menschlich und absolut in Ordnung!), dann müsst ihr gehen und den Menschen Platz machen, welche diese Ruhe finden und ausstrahlen können. Das gilt auch für alle Menschen, die helfen. Wer mit Hektik und Unruhe dabei ist und sich nicht durch diese Fokusänderung beruhigen lässt, muss sofort die Unfallstelle verlassen. Seine oder ihre Abwesenheit ist dann hilfreicher als die Hilfe, die er oder sie anbieten kann. 

 

Endlich befinden sich dann nur noch professionelle Helfer am Unfallort, die darauf trainiert sind, sachlich die auftretenden Probleme zu lösen. Und es gibt dort ein menschliche Herde, welche dem Pferd vermittelt: Wir sind an einem schönen Ort! Wir sind beschützt! Alles ist gut!
Und ich garantiere Euch: die Panik des Pferdes wird nachlassen, es wird zur Ruhe kommen und die Profis ihre Arbeit machen lassen. Denn wo die Herde ist, und wenn die Herde entspannt ist, dann entspannt sich auch das einzelne Pferd.

 

Es bedarf nur eines einzigen Menschen, der zu Beginn die Nerven bewahrt, das Wissen hat darüber, wie Panik transformiert werden kann, und der die Führungsstärke hat, alle anderen kurz zu instruieren und hektische Menschen fort zu schicken.

 

Ich wünsche es Euch nicht! Aber sollte das Leben eine solche Erfahrung von Euch fordern, dann könnt Ihr dieser Mensch sein und vielleicht alles zum Guten wenden!

 

Aus tiefer Liebe zu den Pferden

 

Eure Herdis

 

 

 

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Kommentar von Elvira |

Ich fand Deine Beschreibung und Anleitung sehr wichtig, ich hätte es für mich selbst auch so machen wollen, aber der Aspekt, die Helfer zu instruieren, der ist neu .... und gut!!! Danke!!!!
Ich fühle mich jetzt besser vorbereitet!

 

 

Antwort von Herdis Hiller

Sehr gerne! Das freut mich, liebe Elvira! :)

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