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Was Gehen mit Reiten zu tun hat

14.09.2016 - 16:16
von Herdis Hiller
(Kommentare: 9)

Wer mich kennt, weiß, dass ich Reitern gerne empfehle, spazieren zu gehen. Besonders jenen, die mit dem Wunsch an mich heran treten, mehr Harmonie mit dem Pferd erreichen zu wollen. Begeistert ist davon zu Beginn kaum Jemand, was ich sehr gut verstehen kann. Als ich einst gezwungen wurde, zu Fuß zu gehen, habe ich auch ein langes Gesicht gemacht. Heute verstehe ich das Gehen als eine großartige Möglichkeit sowohl reiterlich als auch in der Beziehung mit dem Pferd und sich selbst weiter zu kommen - und zwar deutlich schneller, als vom Sattel aus. (Wenn das kein Argument ist ;) :D )

Aufgrund einer Sehnenverletzung meines Pferdes musste ich einst eine Zeit lang mit dem Reiten pausieren. Da es schon immer mein Ein und Alles gewesen war und die beste Erholungsmöglichkeit für mich, mit dem Pferd querfeldein durch die Wälder zu streifen, beschloss ich, einfach zu warten, bis dies wieder möglich sein würde.
Doch irgendwann begann ich zu keuchen, wenn ich meine Oma im vierten Stock besuchte, da wusste ich: „Nichtstun ist auch keine Lösung!“ Also ging ich einfach die Wege zu Fuß ab, die ich vorher geritten bin. Zugegeben, am Anfang habe ich dabei immer dem Reiterlebnis im Wald nachgetrauert und hatte wirklich schlechte Laune. Gebessert hat sich das auch nicht gerade durch die Witze anderer Spaziergänger: „Na, Pferd abgehauen?“ Ha ha ;)
Doch nach und nach wurde ich wieder fitter und stellte fest, dass sich meine Gedanken auf meinen Märschen auf wunderbare Weise sortierten. Meine innere Entwicklung schien mit jedem Schritt angeschobene zu werden und ich entwickelte mich plötzlich schneller und dabei sanfter als zuvor. Irgendwann begann ich meine täglichen Märsche ganz allein durch den Wald zu genießen und vermisste sie, wenn ich mal nicht dazu kam. 

Ich entdeckte also, was Psychotherapeuten & Sportmediziner inzwischen belegen können: 

  • Die heilenden Effekte des Waldes (siehe „Der Biophilia Effekt“)
  • Die verbesserte Verbindung beider Gehirnhälften durch das wechselseitige Vorsetzen der Beine und damit einergehend die bessere Verarbeitung von Gedanken & Gefühlen
  • Die meditative Wirkung des Gehens und dadurch die Möglichkeit, die Sinne, die innere Haltung und die Achtsamkeit zu schärfen. (Wichtige Führungskompetenzen, welche die Beziehung zu  unserem Pferd deutlich verbessern können.)
  • Die gesundheitsverbessernde Wirkung des Gehens

Und für Reiter zusätzlich ein ganz wichtiger Punkt: Wer beim Gehen darauf achtet, die Hüfte ein bisschen lasziv mitzuschwingen, der erreicht eine wunderbare Lockerheit in der Mittelpositur und kann viel besser mit den Bewegungen des Pferdes mitschwingen. 

Tipp für Reiter: 

Achte beim Gehen darauf, deine Hüfte in alle Dimensionen hin und her zu rollen. Gehe dafür am Anfang sehr langsam. Möglicherweise stellst Du dabei fest, dass die Unterseite deiner Hüfte dabei eine liegende Acht formt. Wenn Du dann wieder aufs Pferd steigst, stell Dir vor, Deine Füße würden den Boden berühren und Du würdest mit dem Pferd mitlaufen. Deine Hüfte wird dann die gleiche Bewegung machen und Du wirst perfekt mit Deinem Pferd mitschwingen. 

Und als mein Pferd dann wieder mehr bewegt werden durfte, haben wir diese Märsche einfach zusammen unternommen. Durch die obigen Effekte auf mich wurde auch mein Pferd, das immer eher etwas zu aufgeregt war, deutlich ruhiger. Es fand ebenso Spaß an unseren gemeinsamen Spaziergängen. Und ganz nebenbei konnte ich meine Führungsqualitäten verbessern, indem ich einfach auf folgende Dinge achtete: 

  • Vorweg gehen (ist die Beziehung glasklar, ist die Position meist egal)
  • Strick immer durchhängen lassen
  • Den Weg vorgeben / genau wissen, wo es lang gehen soll, in welchem Tempo, auf welcher Stelle des Weges usw.
  • das Pferd auf Wichtiges aufmerksam machen
  • Neue / Aufregende Dinge zeigen (erst selbst anschauen, abklopfen etc., Pferd bleibt im Abstand zum Objekt stehen, dann Pferd heran holen und Gegenstand zeigen, Loben, weiter)
  • Augen nicht auf das Pferd richten, sondern auf die Umgebung (aber immer fühlen / hören, wo sich das Pferd befindet und was es macht)
  • darauf achten, dass die Aufmerksamkeit des Pferdes immer bei einem ist (zumindest ein Ohr)
  • „Heiklen Untergrund“ üben
  • „Wer-Überrascht-Wen“ üben
  • usw. 

Und natürlich hat das Gehen auch für das Pferd große gesundheitliche Vorteile und sollte darum auch dann immer Teil des alltäglichen Trainingsplans sein, wenn es gesund ist. Denn geradeaus Schritt-Spazieren verbessert die Kondition erheblich, verbrennt jede Menge Fett, entlastet den Rücken und sorgt zusätzlich für eine verbesserte Rückenmuskulatur (wenn auch ein unebener Untergrund sowie Steigungen überwunden werden), durchblutet den ganzen Körper, regt das Herz-Kreislauf-System an, schmiert wunderbar die Gelenke, ohne sie zu stark zu belasten usw. 

So kann das Gehen mit dem Pferd (wenn es richtig gemacht wird) zu einem wertvollen Werkzeug werden, um die Beziehung, das Verhalten aber auch die Gesundheit zu verbessern. Vor allem aber, macht es den meisten Pferden unheimlich viel Spaß, sie bleiben motiviert, auch für alles andere, was Ihr so vorhabt, und Ihr beide werdet definitiv näher zusammen finden!

 

Ich gehe dann mal Wandern. 

Bis Bald, Ihr Lieben. Habt Spaß mit Euren liebsten Vierbeinern - egal, was Ihr macht! :)

 

Eure Herdis

 

 

copyright Bild: Natalia Zhurbina shutterstock.com

 

 

 

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Kommentar von Saskia |

Liebe Herdis,

diesen Beitrag kann ich nur unterschreiben :) Meine wanderwütigen Eltern ;) haben mir das Wandern und Spazieren gehen in der Kindheit leider etwas vermiest, ABER sobald ein Tier dabei ist, finde ich es großartig und gerade als vertrauensbildende "Maßnahme" zwischen Pferd und Mensch etwas ganz ganz Tolles. Ich habe auf den gemeinsamen Spaziergängen mit meinem Pferd ihn erst richtig kennengelernt bzw. wir uns. Die Sicherheit, die ich ihm von unten vermitteln kann, versuche ich jetzt in den Sattel zu bringen und gehe trotzdem noch sehr oft mit ihm "einfach nur" spazieren. Ich liebe unseren Wald und auch wenn es oft die gleichen Strecken sind, werde ich nicht müde sie zu laufen und finde die Veränderungen, die die Natur mitbringt einfach herrlich.

Viele liebe Grüße
Saskia

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Antwort von Herdis Hiller

Liebe Saskia, 

ja, das kenne ich. Als Kind fand ich Spazierengehen auch total doof und meine Familie wollte mich immer mitschleifen :D

Schön, wie Du die Sicherheit vom Boden mit in den Sattel nimmst! Das ist ein so großartiges Instrument - besonders auch für junge Pferde. So geht Vieles sooo viel leichter! :)

Ganz liebe Grüße!

Herdis

 

Kommentar von Tina |

Ein schöner Beitrag, den ich aus Menschensicht (die Pferdesicht lerne ich erst noch) voll und ganz unterschreiben kann! Ich liebe es auch sehr, alleine im Wald spazieren zu gehen. Als Reit- und Pferdeanfänger sind Spaziergänge mit Pferd dazu total aufregend und spannend und außerdem eine super Gelegenheit, ein bisschen vertrauter im Umgang mit dem großen Tier zu werden. Natürlich würde ich mir das ganz alleine jetzt auch noch nicht zutrauen, aber mit Pferdemensch als Begleitung ist es toll. Meine Allergie ist draußen auch nicht so schlimm – hat also alles nur Vorteile :)

Blätterraschelnde Grüße
Tina

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Antwort von Herdis Hiller

Liebe Tina, 

vielen Dank! :) Auch für die Sichtweise eines Reitanfängers! Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht, dass es für Menschen, die den Umgang mit Pferden noch nicht gewohnt sind, eine tolle Möglichkeit ist, sich sanft kennenzulernen! Großartig! :)

Herzliche Grüße

Herdis

Kommentar von Donna Bremer |

Als mein Pferd wegen einer Verletzung fast vier Monate nicht geritten werden konnte, haben wir mit unseren Wanderungen angefangen. Aus einem nicht geländesicheren und hyper "umweltorientiertes" Pferd wurde über -zig Kilometer eine gechillte Begleiterin, die Spaß an den Spaziergängen gefunden hat. Ich kann nur zu Wanderungen mit Pferden raten, sie binden ungemein. Gruß, Donna und De La Luna

 

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Antwort von Herdis Hiller

Liebe Donna, 

das hast Du toll beschrieben! Spazierengehen ist echt ein tolles Werkzeug, um die Bindung zu stärken. 

Ganz liebe Grüße (auch an De La Luna*)

Herdis

* was für ein schöner Name! <3

Kommentar von Cara |

Wie schön das hier zu lesen! In meinem Studium (Sozialpädagogik) habe ich mich auch mit dem Gehen als Methode beschäftigt. Damals wurde das zt sehr belächelt und ich freue mich, jetzt auch von anderer Seite zu lesen, wie wohltuend und bereichernd es erlebt wird.
MMn ist die Tatsache, dass wir Menschen immer weniger gehen für viele Zivilisationskrankheiten körperlicher und psychischer Art verantwortlich.
Alles Liebe, Cara

 

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Antwort von Herdis Hiller

Liebe Cara, 

ja, wenn die Antworten zu einfach sind, können viele Menschen sie gar nicht glauben ;) :D

Ich sehe das genauso wie Du! Eigentlich müssten die Krankenkasse eine gewisse Schrittmenge am Tag zur Pflicht machen - ebenso wie eine bestimmte Anzahl Minuten am Tag an der frischen Luft. 

Ganz liebe Grüße

Herdis

Kommentar von Lara |

Hallo,
Der Beitrag ist echt gut geschrieben und du hast so Recht damit!
Ich bin auch mehr oder weniger zum spazieren gehen gezwungen, weil ich mindestens einmal pro Woche mit meinem Pferd ins Gelände möchte und aber nicht immer jemand Zeit hat, mit zu kommen. Allein ausreiten darf ich von meinen Eltern aus nicht, also laufen wir eben ;) es macht echt Spaß und oft werden die Runden größer wie sie es beim reiten geworden wären.

Antwort von Herdis Hiller

Vielen Dank, liebe Lara! :) Und weiterhin viel Spaß bei Euren Geländetouren! :)

 

Kommentar von Susanne |

Liebe Herdis,
das ist ein sehr schöner Artikel und ich kann dir da voll und ganz zustimmen.
Erst im Januar habe ich mir mein eigenes Pferd gekauft und meine Kleine ist deutlich jünger als es der Plan war. Sie war zu der Zeit erst wenige Monate unter dem Sattel. Um ihr viel Abwechslung zu bieten, habe ich, neben Bodenarbeit, auch regelmäßige Spaziergänge in unseren Trainingsplan eingebaut und auch jetzt nach 10 Monaten bin ich davon immernoch begeistert. Oft laufen wir zwar die selben Strecken, aber ist es jedes mal anders und jedes mal spannend. Das Spazierengehen hat uns von Anfang geholfen eine tolle Beziehung und v.a. Vertrauen zueinander aufzubauen ... und meine Kondition zu verbessen!

Antwort von Herdis Hiller

Liebe Susanne, 

vielen Dank! Da freu ich mich! :)

Toll, was Spazierengehen bewirken kann, nicht? Ich finde auch: es ist großartig mit einem jungen Pferd so zu starten! :)

Liebe Grüße

Herdis

Kommentar von Monika |

Liebe Herdis,

ich kann dir da nur zustimmen. Ich habe mein Pferd jetzt seit 2 1/2 Jahren und wir sind von Anfang an zusammen spazieren gegangen - um uns näher kennen zu lernen, um Respekt und Vertrauen zu üben, um die Natur und die gemeinsame Zeit zu genießen ... Mittlerweile joggen wir auch zusammen und haben beide ganz viel Spaß dabei! Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich das gerne noch viel öfter machen :-)

 

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Antwort von Herdis Hiller

Liebe Monika, 

vielen Dank! :)

Schön, dass Ihr zusammen geht! Und ja, Joggen ist klasse gemeinsam! Schon was für Fortgeschrittene! Chapeau! :)

Habt viel Spaß zusammen Ihr zwei!

Liebe Grüße

Herdis

Kommentar von Kerstin Koksch |

Liebe Herdis,
stöbere gerade in deinem Blog und kann zu allem nur ja sagen. Nicht, daß ich nicht kritisch wäre.
Fühle mich bestärkt, in dem was ich seit 11 Jahren mit meinem ersten eigenem Pferd mache.
Insbesondere Spazieren gehen. Habe ich von Anfang an gemacht und dabei gemerkt, daß meine Stute an der Hand mit mir (manchmal zögerlich) überall vorbeigeht.
Meine Idee: wenn ich im Sattel Angst bekomme oder mein Pferd Angst vor irgendwas, dann halte ich sie an( wenn sie nicht schon von alleine stehen geblieben ist), steige ab, gehe ein Stück, bis zur Beruhigung aller Nerven und steige wieder auf. Es gab und gibt auch Tage, wo ich dann bis zum Schluß spazieren gehe.
Ich steige natürlich nicht jedes Mal ab, sondern entscheide aus dem Bauch raus. Dumm ist nur, daß der Kopf manchmal dominiert, tja und dann...
Interessant und neu für mich sind die alpha-Ströme im Gehirn und der Hinweis aufs Meditieren. Das geistert bei mir schon länger im Kopf, aber wenn man sowas liest, denkt man : ach ja, da war ja noch was!
In diesem Sinne werde ich öfter mal im Blog vorbeischauen und die Seite weiter empfehlen.
Liebe Grüße
Kerstin

 

 

Antwort von Herdis Hiller

Liebe Kerstin,

vielen Dank für Deinen lieben Kommentar!

Schön, dass Ihr zwei einen so guten Weg zusammen gefunden habt!

Aus dem Bauch ist immer gut! ;) :)

Habt weiterhin viele schöne Momente ihr zwei!

Liebe Grüße

Herdis

 

 

Kommentar von Marleen |

 

Ich muss mein Pflegepony immer quasi hinterher schleifen, wie kann ich das ändern?

 

 

Antwort von Herdis Hiller

 

 

Liebe Marleen, 

meist ist es eine Kombination aus zu wenig Motivation und zu wenig Vorwärtsdrang. 

Symptomatisch angehen kannst Du das Problem, indem Du in diesem Fall auf Höhe der Schulter oder sogar auf Höhe der Flanke läufst. Je weiter Du dich am hinteren Ende des Pferdes befindest und dort Impulse in Richtung Hinterhand gibst (zB durch Schwenken der Longe in Richtung Hinterhand), desto stärker wirkst Du nach vorne. Es ist zu Beginn nicht ganz leicht, dabei die Vorhand zu kontrollieren, das erfordert etwas Übung. Möglicherweise wäre das Üben mit Doppelllonge eine gute Sache für Euch. Ich würde aber erst einmal in einer sicheren Umgebung (einem eingezäunten Bereich) mit dem Üben beginnen. 

Weitaus schwieriger ist das Thema Motivation. Es muss etwas geben, wofür sich "der Aufwand" für Dein Pflegepony lohnt. Was das ist, ist sehr individuell. Finde heraus, was für dein Pony wichtig ist: Ist es Spaß, Spiel, Komfort, Neugierde,...? Und dann gestalte den Spaziergang in dieser Hinsicht spannend. Spielfreudige Pferde finden es zum Beispiel total klasse, wenn der Mensch einfach ein paar lustige Hüpfer macht, plötzlich stoppt und dann los sprintet, Zickzack läuft etc... alles nur nicht langweilig eben ;) 

Viel Erfolg und vor allem viel Spaß wünsche ich Euch!

Liebe Grüße

Herdis

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