Blog-Eintrag

Warum Führung wichtig ist

05.08.2014 - 11:36
von Herdis Hiller
(Kommentare: 1)
SICHERHEIT DURCH FÜHRUNG

In unserer heutigen Gesellschaft der Demokratie, der flachen Hierarchien und des Sozialstaats sind Worte wie „Anführer“, „Autorität“ oder „Dominanz“ verpönt. Ob das für unsere menschliche Gemeinschaft gut ist oder nicht, wollen wir hier jetzt nicht diskutieren. Dieser Umstand ist aber ein wichtiger Indikator dafür, wie viele Reiter mit ihren Pferden umgehen. Denn oftmals wird die derzeit herrschende, menschliche Gesellschaftsform auch auf das Miteinander mit dem Pferd übertragen. 

Aufgrund der Tendenz unserer Gesellschaft zur Vereinzelung und Verunsicherung werden Menschen bedürftig nach Geborgenheit, Liebe und Nähe. Und weil Pferdebesitzer nun einmal auch immer Menschen sind, suchen sie bei ihrem Pferd Liebe, Nähe und Geborgenheit. Auf den Punkt gebracht, bedeutet das: Viele Pferdebesitzer sind bedürftig. Wer aber bedürftig ist, ist in den Augen des Pferdes schwach und hat keine Befähigung zur Führung. Das stört die Menschen aber auch oftmals gar nicht, denn sie halten ja eh nichts von Hierarchien und möchten ihr Pferd antiautoritär erziehen bzw. gar nicht erziehen, sondern einfach ihr Freund sein - eine Freundschaft, wo jeder kann, aber keiner muss. 

Das Problem ist, dass dieses menschliche Verhalten Pferde absolut verunsichert und die meisten von Ihnen in allergrößte Not bringt. Um zu verstehen wieso, müssen wir einen kurzen Ausflug in die Natur des (Wild-)Pferdes wagen: 

Pferde sind Beutetiere und somit immer in Gefahr, getötet zu werden. Damit ihre Art überleben kann, hat die Natur nicht nur Körper entwickelt, die ausgezeichnet sind in schneller Flucht, sondern auch eine ganz bestimmte Gesellschaftsform: die Herde, welche durch Hierarchien geprägt ist. Die Gemeinschaft beschützt die Pferde. Pferde müssen also zusammen bleiben und dürfen nicht wild auseinander stäuben, wenn Gefahr droht. Doch diese Gemeinschaft und die Flucht zusammen ist nur dann erfolgreich, wenn bei Herannahen eines Raubtieres nicht diskutiert wird, in welche Richtung die Flucht erfolgen soll. Eine demokratisch organisierte Herde aus Beutetieren wäre dem Tode geweiht und schon vor Tausenden Jahren ausgestorben. Der „organisierte Rückzug“ kann nur dann funktionieren, wenn die Rollen und Wege klar sind - und wenn einer die Führung übernimmt. In der Wildnis ist das meist eine Leitstute (kein Hengst, wie lange geglaubt wurde), die besonders umsichtig, intelligent und stark ist. Eine Stute, die fähig ist, viele Tiere zusammen zu führen und einen Weg zu finden, den alle gehen können. 

Nach der Leitstute verästelt sich die Hierarchie, die aber ganz klar strukturiert ist.Und je stabiler die Herde (und damit sicherer), desto klarer weiß jedes einzelne Pferd, auf welcher Position es steht.

Es gibt also eine sehr große Menge an Pferden, die sich nur sicher fühlen, wenn sie geführt werden und eine sehr sehr kleine Menge an Pferden, die zum Anführer geboren sind. Die meisten Pferdebesitzer haben es also mit Pferden der mittleren bis hintersten Rangordnung zu tun. 

Diese Pferde büßen in der menschlichen Welt meist schon die Sicherheit einer stabilen Herde ein. Sie haben also nichts mehr, dass ihnen Sicherheit gibt - außer dem Menschen. Darum obliegt dem Menschen eine große Verantwortung für das Wohlgefühl seines Pferdes! Und nach Nahrung & Wasser steht Sicherheit ganz oben auf der Liste der Bedürfnisse eines Pferdes. 

Ein bedürftiger Mensch (,der vor allem etwas von seinem Pferd bekommen möchte: Liebe, Nähe, Geborgenheit) kann sein Pferd nicht führen. Ein Mensch, der Freundschaft ohne Regeln möchte, der sein Pferd fragt: „Na, wo wollen wir denn heute hingehen?“ wird etwas verursachen, das er ganz sicher nicht möchte: Panik! Denn aus Pferdesicht tut sein menschlicher Partner mit all seiner Liebe und dem netten Gedanken, demokratisch abzustimmen, vor allem eines: es allein zu lassen. Es inmitten vieler Raubtiere auszusetzen. Das Pferd weiß in diesem Moment, dass der Mensch ihn nicht beschützen wird. Es muss sich also selbst beschützen! Und dann entstehen gefährliche Situationen wie kopfloses Durchgehen. 

Mit anderen Worten: Ein Pferd braucht Hierarchien, um sich sicher zu fühlen. Und wenn der Mensch diese nicht klar vorgibt, wird das Pferd die Führung übernehmen müssen - denn dieser Platz ist frei und muss in den Augen eines Pferdes unbedingt besetzt werden. 

Doch da die meisten Pferde keine geborenen Leitstuten sind, werden sie auf eine Position gezwungen, die gar nicht ihre ist. Sie fühlen sich fremd, falsch und vor allem total überfordert, denn sie können diese schwere Aufgabe gar nicht leisten. Die Folge sind neben gefährlichen Situationen des Miteinanders auch körperliche Probleme wie Gastritis, Magengeschwüre und andere Stresserkrankungen. 

Daneben geht außerdem eines verloren: der Respekt. Pferde, die ihre Menschen derart schwach finden, verlieren den Respekt vor ihm. Hierzu kann ich Ihnen ein Beispiel erzählen, das ich vor einiger Zeit einmal erlebte: Zu einem Reitunterricht war eine Dame erschienen, vielleicht so Mitte 40, die einen sowohl charakterlich als auch körperlich extrem starken Tinker hatte. Während sie diesen putzte und fürs Reiten fertig machte, sprachen wir miteinander. In einem Nebensatz erwähnte sie, dass das Wort „Dominanz“ in ihrem Wortschatz nicht vorkommen würde. Davon würde sie ja gar nichts halten. Nun ist Dominanz noch ein etwas anderes Thema, dennoch zeigte dieser Satz, wie sehr sie eine demokratische Gemeinschaft mit ihrem Pferd präferierte. Und das Ergebnis folgte nur wenige Sekunden später. Während sie neben dem Bein ihres Pferdes hockte, und eine Gamasche anbringen wollte, zog ihr Tinker das Bein hoch. Dieses knallte direkt unter die Nase der Dame. AU! Und was sagt die Dame: „Ach, er ist immer so lustig. Ist er nicht süß?“ Wenn man überlegt, dass Mutterstuten um ihr liegendes Fohlen herum laufen, ohne diesem auch nur ein Haar zu zerknicken, wird klar, dass dieser Tinker gerade nur eines getan hatte: Er hatte seinen fehlenden Respekt zum Ausdruck gebracht. Beim Reiten ging das natürlich so weiter - die Dame hatte Mühe den Anweisungen der Reitlehrerin zu folgen, weil der Tinker in puncto Richtung andere Pläne hatte.

Führung bedeutet für Pferde allerdings oftmals etwas ganz anderes als für Menschen: Führungskompetenz zeigen Pferde durch Umsicht, eine besonders gute Wahrnehmung, emotionale Stabilität & Stärke, Intelligenz, Unbestechlichkeit, Klarheit und Konsequenz. Eine Leitstute wird ein schlechtes Verhalten erst nur durch ein leicht angelegtes Ohr quittieren. In einer stabilen Herde ist diese kleine Geste meist schon ausreichend. Wenn nicht wird sie mit inneren Ruhe und Ausgeglichenheit einen schnellen Schritt auf den anderen zu machen. Ist dieser dann nicht weg, einen Biss oder einen Tritt verteilen. Und erst bei sehr schlimmen Verfehlungen (äußerst selten) würde sie ein Pferd aus der Herdengemeinschaft ausschließen. Sie ist absolut klar in ihren Ansagen, sie ist sehr konsequent in ihrer Umsetzung, aber sie ist niemals emotional instabil. 

Für viele Menschen bedeutet Führung in Hinsicht auf Pferde oftmals Zwang, Druck, Gewalt, Wut und Ungeduld. Wenn Reiter ihrem Willen durch schmerzhaftes Zerren im Maul oder das Rammen der Sporen in den Pferdeleib Nachdruck verleihen, sind sie alles, aber in den Augen eines Pferdes auf jeden Fall kein Anführer. Ihr Pferd wird seinem Reiter evtl. in diesem Moment folgen, weil es keine Schmerzen erleiden möchte, oder weil es Angst vor ihm hat. Aber wenn es hart auf hart kommt, wird sein Pferd ihn überrennen, um die eigene Haut zu retten. Denn emotionale Instabilität degradiert den Menschen auf eine der untersten Stufen. 

Und jetzt eine gute Nachricht für all die Reiter, die sich aber doch so sehr eine enge, freundschaftliche Bindung zu ihrem Pferd wünschen: 

Das Großartige ist, wenn Sie den Weg gehen, ein guter Anführer zu werden, entsteht plötzlich eine so tiefe Freundschaft und Partnerschaft, die Sie nie zuvor kannten. Es ist für uns Menschen fast unvorstellbar, aber durch klare Führung und Rollenverteilung erwächst starkes Vertrauen und Respekt und dann wird eine unheimlich tiefe Freundschaft mit Pferden möglich. Und wenn die Positionen so klar und stabil sind wie in einer natürlichen Herde, dann können Sie plötzlich auch Freiheit leben mit Ihrem Pferd. Im Prinzip benötigen Sie keinen Strick mehr, Ihr Pferd hat die Freiheit hinzugehen,wohin es will, und es wird einen Ausflug machen, nach links und rechts, wird an einem Kothaufen stehen bleiben und die Botschaften einatmen, aber es wird immer bei ihnen bleiben: Weil es sich bei Ihnen sicher fühlt. Und für ein Pferd gibt es kaum etwas Besseres!

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Kommentar von Hei Ke |

 

Liebe Herdis, (ich sage einfach mal Du)
dieser Beitrag ist so klar und verständlich geschrieben und auf den Punkt gebracht, dass ich ihn ausgedruckt habe. Ich werde ihn an einige Pferdemenschen weitergeben, in der Hoffnung, dass sie endlich verstehen. Ich habe auch lange dafür gebraucht, aus Unwissenheit vieles falsch gemacht, weil ich langjährigen Pferdebesitzern geglaubt habe ( die es vielleicht auch nicht besser wussten).
Ich als späte, ängstliche Wiedereinsteigerin und leider "nur" Reitbeteiligung habe mich immer weiter informiert, alles zum Wohl des Pferdes. Ich werde auch weitermachen, weil ich gar nicht anders kann und hoffe das ein oder andere Pferd zu "retten" (und ihre Besitzer natürlich auch)
Danke auch für die anderen tollen Beiträge, ich habe sie alle gelesen.
Viele Liebe Grüße Hei Ke

 

Antwort von Herdis Hiller

Liebe Hei Ke,

vielen Dank für Deine liebe Nachricht! Ich bin ganz gerührt!
Und Du hast genau das getroffen, worum es mir geht: Ich möchte dazu beitragen, die Welt für unsere Pferde ein kleines bisschen besser zu machen, weil sie so großartige Wesen sind, von denen wir so viel lernen können! Wenn meine Artikel das bewirken, dann habe ich meinen Job erfüllt.

Liebe Grüße

Herdis

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