Blog-Eintrag

Warum Einreiten nicht unbedingt mit Reiten zu tun hat

29.12.2016 - 19:00
von Herdis Hiller
(Kommentare: 9)

Das Einreiten junger Pferde hat 3 Aspekte:

1. Die körperlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten des Pferdes, um sich unter dem Reitergewicht ausbalancieren und das Gewicht des Reiters tragen zu können, ohne Schaden am Bewegungsapparat zu nehmen.
2. Die technischen Fertigkeiten wie z.B. das Erlernen der Reiterhilfen (Gewichtshilfen, Zügelhilfen usw.) und dessen Umsetzung.
3. Die psychische und nervliche Gewöhnung und Verlässlichkeit.

Gerade intelligente und körperbewusste Pferde können das Ausbalancieren unter dem Reiter und die Hilfengebung innerhalb kurzer Zeit erlernen. Das verleitet natürlich dazu, sofort loszulegen. Doch nicht immer ist das auch wirklich sinnvoll…

 

Mögliche körperliche & psychische Auswirkungen schnellen Anreitens

In letzter Zeit ist das Stichwort „Trageerschöpfung“ in aller Munde. Dieser Begriff meint im Prinzip nichts anderes als einen Pferdekörper, der nicht stabil genug ist, um das Reitergewicht unbeschadet tragen zu können. Die Folge sind dann körperliche Beschwerden, die – sind sie erst einmal ausgeprägt- nur noch sehr schwer in den Griff zu bekommen sind. Trageerschöpfung entsteht vor allem, wenn Pferde zu früh zu stark belastet werden, ohne zuvor eine starke und stabilisierende Muskulatur ausgebildet zu haben. Sie entsteht auch dann, wenn der Pferdekörper unnatürlich belastet wird in einer Zeit, in der die Wachstumsfugen noch nicht komplett geschlossen sind. So kann das Reitergewicht den Pferdekörper im schlechtesten Fall irreversibel schädigen.

Was viel alltäglicher ist und darum von vielen Menschen gar nicht bewusst wahrgenommen wird, sind die Verhaltensänderungen, die im Zuge des Einreitens entstehen können: Wir alle kennen die Pferde, welche die Ohren zurücklegen oder unruhig werden beim Satteln. Die den Rücken wegdrücken, sobald der Reiter aufsteigt. Die unter dem Reiter nicht vorwärts gehen wollen oder im Gegenteil immer nur rennen. Die jede Gelegenheit zum Scheuen nutzen, die durchgehen, wenn Sie Angst bekommen, die den Reiter herunter bocken, wenn sie in Spiellaune sind usw. Es scheint allgemeiner Konsens zu sein, dass Pferde „nun einmal manchmal so sind“. Wer sich die gleichen Pferde aber auf der Weide ansieht, zusammen mit anderen Pferden, stellt erstaunlich oft fest, dass dieses Verhalten nur unter dem Sattel vorkommt und nicht in der Gesellschaft anderer Pferde. Ergo: vieles negative Verhalten, dass wir Reiter gerne als „Fehlende Rittigkeit“ bezeichnen, ist oftmals anerzogenes Verhalten, das beim Einreiten entstanden ist.

 

Wer zu Beginn Zeit investiert, bekommt sie später tausendfach zurück

Ich las einst einen Text eines alten Rittmeisters der klassischen Schule, welcher davon erzählte, dass seine Pferde erst mit 20 so richtig gut werden und mit 30 immer noch Piaffe und Passage gehen. Das hat mich sehr beeindruckt! Und gleichzeitig erschreckt! Wie viele unserer heutigen Reitpferde werden überhaupt noch 20 Jahre alt – geschweige denn, dass sie dann noch reitbar sind! Und für ihn war diese Erfahrung ganz selbstverständlich! Nach genauerer Recherche stellte ich dann fest, dass er seine junge Pferde sehr langsam, sehr spät und sehr sanft einritt – genauer gesagt, erst einmal gar nicht, sondern durch Handarbeit so weit trainierte, bis der Bewegungsapparat absolut stabil war… bereit, um das Reitergewicht unbeschadet tragen zu können.

Soweit der körperliche Aspekt - allein dieser sollte uns schon die nötige Geduld abverlangen. Der psychische Aspekt erscheint mir aber mindestens ebenso so wichtig zu sein:

Meist werden die Fohlen in einem Alter von 6 Monaten von der Mutter getrennt. Dieser plötzliche Beziehungsabbruch destabilisiert die Psyche. Dann geht’s weiter in gleichaltrigen Gruppen, die keine Führung, keine Lehre und keinen Halt bieten. Zumindest bieten sie eine Zeit lang Gewohnheit und Routine. Und an dieser halten sich die jungen Pferde dann fest. Und dann kommt der Mensch, nimmt sie aus der Jungpferdeherde heraus, stellt sie in eine Box und beginnt mit dem Reiten. Mit anderen Worten: plötzlich ist aller Halt weg und die Welt komplett neu und erschreckend. Alles ist erschreckend: Das schwere Teil, das man auf den Rücken legt, das kalte Eisen, dass ins Maul gedrückt wird, das knallende Seil, das einen vorwärts treibt, das schwarze Loch, in dem einem immer die Beine nass gemacht werden, der stinkende Mann, der die Füße zum Qualmen bringt usw usw usw. All das ist sehr viel für ein junges Pferd. Viel, was verarbeitet, sortiert und verstanden werden muss.

 

Zeit geben heißt der Gewöhnung eine Chance zu geben

Die Natur hat sich für alle Säugetiere einen tollen Kniff überlegt, um Ressourcen (Lebensenergie) zu sparen: die Adaption (Anpassung, Gewöhnung). Denn würden wir unser ganzes Leben lang vor immer dem gleichen Stein erschrecken, der am Wegesrand liegt, selbst wenn wir dort täglich vorbei laufen, würde uns dieser tägliche Schreck unglaublich schaden und Lebensenergie rauben. Aber die Natur ist immer darauf aus, so energiesparend wie möglich zu sein. Und Gewöhnung ist ein höchst effektiver Energiesparer.
Beim Einreiten der Pferde könnte uns dieser Kniff der Natur sehr in die Hände spielen, denn irgendwann gewöhnt sich das Pferd an all die neuen und erschreckenden Dinge, die wir mit ihm tun. „Könnte“ wohlgemerkt. Denn Gewöhnung tritt nur dann ein, wenn keine Überforderung stattfindet und das Pferd keine schlechten Erfahrungen macht. Je schneller wir vorgehen, je mehr wir auf einmal machen, je mehr Neues wir auf einmal einführen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir Hilflosigkeit, Angst und Resignation lehren anstatt Gelassenheit und Freude am Reiten. Und desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir negative Erfahrungen produzieren, die das Pferd dann immer mit dem Reiten und dem Reiter verbinden wird.

Und wir dürfen einen zusätzlichen Aspekt nicht außer Acht lassen: ein 4-jähriges Pferd kann sich kaum länger als maximal 15 Minuten am Stück konzentrieren. Jede Minute, die wir über die Konzentrationsspanne unseres Pferdes hinaus mit ihm arbeiten, muss zu Missverständnissen, Konflikten, Unruhe und Angst oder Resignation führen.

 

Gibt Deinem Pferd, die Zeit, die es braucht, und es wird weniger Zeit brauchen.“


Ich bin ja sonst kein besonders glühender Verfechter von Parellis Lehren, aber mit diesem Satz hat er wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen - finde ich jedenfalls.

Erwarte nichts! Stelle Dich darauf ein, mit einem jungen Pferd ein Jahr lang 5 Minuten am Stück "immer wieder das Gleiche" zu machen! Wenn Du das Gefühl hast, dass Du vieeeeel zu langsam bist, viel zu kleine Schritte gehst und die Einheit viel zu schnell wieder vorbei ist, dann bist Du auf genau dem richtigen Weg ;) :D
Und dann wird alles möglich werden!

Ja, erst einmal scheinen alle anderen an einem vorbei zu ziehen. Das stimmt. Kurzfristig sind gleichaltrige Pferde bereits 1 Jahr lang unter dem Sattel, während Du Dich immer noch „nur“ über den Rücken lehnst. Und in einem Durchschnitts-Stall muss man schon manchmal ein dickes Fell haben, um sich die „wohlgemeinten“ Kommentare und Ratschläge der anderen nicht zu Herzen zu nehmen. Aber diese Geduld wird bereits nach ein paar Monaten belohnt – zumindest wenn man ganz genau hinzusehen vermag: Denn dann stellt man plötzlich fest, dass das eigene Pferd wie der Fels in der Brandung steht beim Putzen und Aufsteigen. Wie der Reiter zu einem Ruhepohl für das Pferd geworden ist. Wie Reiten Gelassenheit und Freude fördert. Und während andere Pferde bei einer Gefahr ihrem Reiter auf den Fuß springen oder ihn runterbocken, wird Dein Pferd Dich einfach nur anstupsen und damit sagen: „Hey, da hinten ist was Gruseliges? Was sollen wir jetzt tun?“ Und mittelfristig wird aus diesem kleinen Pferdchen ein stabiler Partner, auf den sich sein Reiter immer verlassen kann. Der „rittig“ ist, gut zuhört, Freude hat an der gemeinsamen Arbeit hat und vor allem bis ins hohe Alter psychisch und physisch gesund ist.

 

Plan für das Einreiten junger Pferde

Einen Plan für das Einreiten kann Euch nur Euer Pferd selbst geben. Denn jedes Pferd ist anders, braucht für unterschiedliche Dinge unterschiedlich lange. Ich glaube aber, dass die Kunst gar nicht darin besteht, es dort langsam angehen zu lassen, wo das Pferd sowieso Schwierigkeiten hat. Sondern dort, wo das Pferd vermeintlich schnell unterwegs ist.

Ein Beispiel: Meine kleine Lina hatte sehr schnell verstanden, was ich von ihr will. Jeden Tag sagte mir ihr Blick: „Jahaaa! Ich weiß, dass Du auf meinen Rücken willst. Nimm einfach Platz, ist doch keine große Sache!“ Und dennoch behielt ich das super langsame Tempo bei. Denn mir war klar: zu verstehen, was ich will, ist nur ein Teil des Ganzen. Dabei ruhig und gelassen zu bleiben und das verarbeiten zu können, egal was um uns herum geschieht, ist ein ganz anderes Thema – aber genau das, was ich erreichen wollte. Ich wollte, dass sie mich, mein Gewicht auf ihrem Rücken, ja alles, was mit Reiten zu tun hat, mit Ruhe und Gelassenheit verbindet. Also ging ich jeden Tag weiter in winzigen Schritten und oft genug mit dem Gefühl, nicht voran zu kommen.
Und dann gab es da diesen Tag, an dem im Stall die Hölle los war. Pferde wieherten aufgeregt, der Hofplatz war voll mit Menschen und Autos, zwei Hunde rasten durch die Stallgasse und so weiter. Lina war im höchsten Maße angespannt, ganz kurz vorm Explodieren, sodass ich schon zu meiner lieben Helferin sagte: „Ich glaube, heute wird das nichts!“ Doch wir beide blieben ruhig und sagten uns: „Wir probieren es einfach. Nur kurz rauf und wieder runter.“ Ich schwang mich also auf dieses wild tänzelnde, unruhige Pferd. Und sobald mein Hintern den Sattel berührt hatte, wurde sie die Ruhe selbst. Im wildesten Tumult stand sie wie eine Bank, die Muskeln entspannt, die Ohren bei mir und voller freudiger Erwartung.
Da wusste ich, wofür sich all das Warten und Schleichen der letzten Monate gelohnt hatte - und kann es nur jedem empfehlen.

 

Richtlinien zur Erstellung Deines eigenen Plans für Dein Pferd:

  • Zeige Deinem Pferd immer nur eine neue Sache zur Zeit
  • Nie länger als maximal 15 Minuten am Stück
  • Übe nur dann, wenn du selbst entspannt, positiv und gelassen bist
  • Unterteile eine neue Sache in viele kleine und beginne immer nur mit dem ersten Teilstück
  • Wechsele erst dann zu einer neuen Sache, wenn die bisherige im Kopf Deines Pferdes mit Entspannung und Gelassenheit assoziiert wird
  • Wechsele erst dann zu einer neuen Sache, wenn sowohl Körper, Geist und Psyche das neue als „einen alten Hut“ betrachten, der zu einer Alltäglichkeit geworden ist und sie nicht mehr aus dem Gleichgewicht bringen können – auch wenn Unvorhergesehenes passiert.

 

Möglicher Beispielplan:

Ein solcher, individueller Plan könnte zum Beispiel wie folgt aussehen. Dabei müssen die Schritte so klein sein, dass wir absolut kein Abwehrverhalten auslösen, sondern ein von vorne bis hinten entspanntes Pferd haben! Sobald das Pferd sich wegdreht, unruhig wird usw. sollten wir dies als Zeichen nehmen, dass wir zu schnell vorangegangen sind und zu viel auf einmal wollten. Gleiches gilt für körperliche Signale wie Verspannungen, Kopfschlagen etc.

  1. 5 Minuten täglich neben dem Pferd auf einen Hocker steigen
  2. von der Leiter aus über den Rücken lehnen, ohne das Pferd zu berühren
  3. vorsichtig auf den Rücken lehnen, aber noch mit den Füßen auf dem Hocker
  4. komplett über den Rücken legen
  5. Gewöhnung an den Sattel
  6. Gewöhnung an den angezogenen Sattelgurt
  7. Gewöhnung an hängende Steigbügel
  8. Gewicht auf einen Steigbügel geben (zu Beginn am besten noch mit den Armen)
  9. Einen Fuß in den Steigbügel stellen
  10. Und so weiter. Ich glaube, Ihr versteht, was ich meine.

Wird das Pferd unruhig, das Neue abbrechen und zum Altbekannten zurück kehren sowie die neue Aufgabe in noch kleinere Teilaufgaben unterteilen, die auf jeden Fall zu schaffen sind.

Das junge Pferd macht so die wunderbare Erfahrung, dass es alles schaffen kann, was der Mensch von ihm möchte. Das gibt ihm Selbstsicherheit und innere Ruhe. Außerdem vermittelt es großes Vertrauen in uns, denn das Pferd verbindet mit uns nur Erfolgserlebnisse. Es weiß, dass es sich auf uns verlassen kann. In Notsituationen wird es darum Unterstützung bei uns suchen, anstatt sich und den Reiter in lebensgefährliche Situationen zu bringen.

 

Fazit:

Einreiten hat mit Gewöhnung weit mehr zu tun als mit Reiten.

Auf diese Art dauert es deutlich länger, bis man wirklich mit dem Reiten anfängt. Aber was man zu Beginn spart, bekommt man später doppelt und dreifach zurück. Diese ist eine mehr als lohnende Investition in ein langes und glückliches gemeinsames Leben.

 

Herzlichst!

Eure Herdis (& Lina)

 

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Tina |

Ein schöner Text! Bestimmt ist es nicht so leicht, so langsam vorzugehen. Aber das Reiten und alles drumherum für das Pferd mit Ruhe und Gelassenheit zu verknüpfen, klingt ziemlich schlau! Danke für diesen tollen Gedanken!

Liebe Grüße
Tina

 

 

Antwort von Herdis Hiller

Ich danke Dir für Deinen lieben Kommentar, liebe Tina! :) <3

 

 

Kommentar von Katharina |

Leider wird diese Zeit heutzutage kaum einem Pferd gegeben. Immer schneller, weiter, die Leistungsprüfungen unter dem Reiter, bei denen 3-jährige ihre "Rittigkeit " unter Beweis stellen müssen :(
Vielleicht hilft dein Text ja manch Jungpferdebesitzer zum umdenken zu bewegen! Ich würde mich für jedes einzelne Pferd freuen, welches so an den Reiter gewöhnt wird :)
Liebe Grüße

 

 

Antwort von Herdis Hiller

Liebe Katha, 

vielen Dank für Deinen Kommentar!

Es kommt eben immer auf das Ziel an, das wir haben, und die damit einhergehenden Prinzipien: Will oder muss ich schnell verkaufen, dann kann ich dem Pferd diese Zeit nicht geben. Möchte ich aber ein stabiles, zuverlässiges und gesundes Pferd bis ins hohe Alter haben, dann ist Zeit sicherlich eine kostbare Größe. 

Liebe Grüße

Herdis

 

 

Kommentar von Laura Harmening |

Hallo, ich habe den Artikel sehr interessiert gelesen, bin dann aber über etwas gestolpert und möchte gerne wissen, wie es gemeint ist.

Sie schreiben das Absetzen des Fohlens und die Aufzucht in einer Jungpferdeherde ist Stress für die Pferde und ohne Herdenführung.

Bedeutet das, dass sie das Absetzen ablehnen und die Fohlen lieber in eine gemischte Herde eingliedern würden? Wenn ja, warum? Und wie sollte man ihrer Meinung nach dann absetzen? Wir erwarten nämlich selbst fohlen, deshalb interessiert mich das sehr.

Oder ist es im Zusammenhang so gemeint, dass es generell einfach Stress ist, ohne Wertung ob falsch oder richtig?

Freue mich auf Info!

Antwort von Herdis Hiller

Liebe Laura, 

vielen Dank für Ihre wertvollen Gedanken! 

In freier Natur läuft das Fohlen deutlich länger mit der Mutter mit - meist so lange, bis das nächste Fohlen geboren wird. Und selbst dann muss es die Herde nicht sofort verlassen, sondern verbleibt in der Obhut und unter der Erziehung der Herde. Hengstfohlen verlassen erst dann die Herde, wenn sie deutlich Anspruch an den Stuten zeigen und vom Althengst nicht mehr geduldet werden. Junge Stuten nur dann, wenn sie sich einem andere Hengst anschließen. Viele verbleiben aber auch in ihrer angestammten Herde. 

Das heißt, selbst wenn die Mutter das Fohlen "absetzt", weil ein weiterer Magen gefüllt werden muss, verliert es seine Mutter und die Herde nicht (sofort). Der Abnabelungsprozess ist sehr langsam und sehr natürlich. Und selbst wenn ein junger Hengst die Herde verlassen muss, schließt er sich meist in einer sogenannten Junggesellenherde mit anderen Hengsten zusammen, in denen es unterschiedlich alte Pferde gibt - somit ist selbst dort Erziehung und Führung gewährleistet. Aber 6-monatige Fohlen zusammen zu stellen, ist, als würden die Kindergärtner Urlaub machen und die Kinder sich selbst überlassen. 

Der Versuch, die natürlichen Vorgänge auch unter Menschen-Bedingungen bei domestizierten Pferden umzusetzen, ist nicht ganz einfach. Denn sowohl die Stute als auch das Fohlen brauchen eine Herde und das Fohlen braucht unter anderem gleichaltrige Spielkameraden (gerne auch des gleichen Geschlechts). Es ist also auch keine Option, Stute und Fohlen allein zu halten, um das Fohlen nicht so früh absetzen zu müssen. Wenn möglich, müsste das Fohlen in einer stabilen Herde aufwachsen und der Mensch müsste beobachten, wie weit der Abnabelungsprozess fortschreitet. Da sich bei domestizierten Pferden aber zum Beispiel nie ein Hengst in der Herde befindet, wird dieser Prozess auf jeden Fall bei Hengstfohlen schon kaum natürlich vonstatten gehen können. Den Hengst müsste man also spätestens dann von der Herde trennen (oder kastrieren), wenn er ernsthaft damit beginnt, die Stuten decken zu wollen. 
Eine Jungstute könnte grundsätzlich immer in der Herde verbleiben - wenn der Rest der Herde diese duldet. Sie wird nach und nach ganz natürlich mehr Abstand zwischen sich und die Mutter bringen und sich immer mehr auch für andere Pferde interessieren, Freundschaften schließen, und ein eigenständiges Mitglied der Herde werden. 

Aber wie gesagt, all das geht nur, wenn die ganze Herde nach natürlichen Gesichtspunkten gemanagt wird. Wenn man als einziger Einsteller versucht dies in klassischer Haltung umzusetzen, kann das leider nur schief gehen. (Ein Kompromiss wäre, ein paar erwachsene und gut sozialisierte Pferde zur Kindergartentruppe dazu zu stellen.) 

Herzliche Grüße

Herdis Hiller

 

 

Kommentar von Christina |

Liebe Herdis.
Die Ausführungen von Ihnen zur natürlichen Pferdehaltung sind sehr interessant und ich kann vieles bestätigen. Als Züchterin von 4 Fohlen mit einer Mutterstute habe ich in meiner Region selten gleichgeschlechtliche Absetzer gefunden. Mein letztes Fohlen (Stute) habe ich in einer Herde von Rentnerwallachen groß werden lassen. Das Experiment ist geglückt und sie ist sehr sozial. Nun ist sie vier und wird langsam angeritten. Da kommt mir Ihr Artikel zum Anreiten und der Zeit gerade Recht. Ganz herzlichen Dank.
Christina Breves

 

 

Antwort von Herdis Hiller

Liebe Christina,

vielen Dank für Deinen Kommentar.

Schön, dass Deine Stute jetzt so gut sozialisiert ist. Das freut mich sehr. Dann steht einem entspannten Pferdeleben ja nichts im Wege! :)

Ganz liebe Grüße

Herdis

Kommentar von Anja Wehrmann |

Großartig, genau das ist ebenfalls meine Philosophie, der Umgang mit Jungen Pferden. Sich Zeit lassen und Wachstum und Alter immer zu bedenken! Ich besitze zwei junge Pferde habe sie selber eingeritten und ihnen viel Zeit mir der Ausbildung gegeben, obwohl mich viele belächelt haben! Meine Jungs sind jetzt 6/7 Jahre alt, Gesund und glücklich und das beste was ich erfahren durfte! Ich bin keine professionelle Reiterin und doch habe ich intuitiv alles richtig gemacht! Ich würde mir wünschen wenn die Pferde Besitzer sich mehr Gedanken um ihre Pferde machen würden und Respektvoll mit ihnen umgehen! Lieben Gruß Anja

 

 

Antwort von Herdis Hiller

Liebe Anja,

das hört sich schön an! Folge nur weiter Deiner Intuition - sie ist Dein größter Schatz! :)

Ganz liebe Grüße

Deine Herdis

Kommentar von Jutta Krampitz |

Liebe Herdis
Wirklich tolle Anregungen.Ich habe mir 2014 eine Absetzer-Tinkerstute gekauft und sie zu einer 25-jährigen Stute und einem 15-jährigen Wallach gestellt.Sie wird nun bald 3 und ich habe jetzt mit Clickertraining begonnen.Manchmal macht sie toll mit und manchmal will sie lieber spielen und toben.Ich bin dann immer verunsichert und auch ein bisschen ängstlich, weil ich denke,sie konnte mich dabei verletzen. Ich glaube,sie hat keinen Respekt vor mir.Wie könnte ich Vorgehen,umdas zu erreichen.Ich möchte keine Fehler machen und sie ohne Gewalt erziehen. LG Jutta.

 

 

Antwort von Herdis Hiller

Liebe Jutta,

vielen Dank für Deinen Kommentar!

Spielen und toben ist ja auch super! :D :)
Du kannst mit ihr "mein Platz - Dein Platz" üben, dann musst Du nicht mehr befürchten, dass sie dich beim Spielen verletzt. Hierzu denkst Du dir, egal wo Du bist, einen Bereich um Dich herum, der nur Dir gehört und den deine Stute nicht betreten darf. Signalisiere ihr immer, dass sie vor deinem Bereich stehen bleiben muss. Dann gehe in ihren Bereich hinein und lobe sie. Das kann man ganz wunderbar auch sehr spielerisch machen. Dann macht lernen richtig Spass.

Ganz liebe Grüße

Deine Herdis

Kommentar von Nicola Steiner |

Erstens wurde Parelli hier völlig mißverstanden, zweitens ist es unwissenschaftlich, was dort steht. Warum sollten die Epiphysen alle geschlossen sein, bevor man ein Pferd reitet (außer der am Röhrbein). Wer sagt das, dass sich ein vierjähriges Pferd nur 15 Minuten konzentrieren kann? Ein vierjähriges Pferd entspricht einem 25jährigen Menschen !!! Was qualifiziert die Autorin, sie nennt ihre Qualifikation nicht. Wenn es keine Qualifikation gibt, warum werden keine Quellen genannt? Das ist doch alles nur Hörensagen ohne Hand und Fuß.

 

 

Antwort von Herdis Hiller

Liebe Frau Steiner,

vielen Dank für Ihren Kommentar.

Die Welt ist bunt, es werden immer wieder unterschiedliche Ansätze, Meinungen und Erfahrungswerte aufeinander treffen - zum Glück, sonst gäbe es ja kein Entwicklungspotenzial. :)
Da ich mich gerne weiter entwickle, bin ich an einem Austausch immer interessiert - so lange die Umgangsformen gewahrt bleiben und gegenseitiger Respekt die Basis ist.
(Meine Qualifikationen sind übrigens auf dieser Webseite nachzulesen.)

Gerne gehe ich auch einmal kurz inhaltlich auf Ihren Kommentar ein: 

15 Minuten Konzentrationsfähigkeit in dem Alter ist ein Durchschnittswert ermittelt in der Verhaltensforschung.
Das Gewicht des Reiters verteilt sich auf den ganzen Körper (Physikalische Grundsätze der Gewichtsverteilung, siehe auch Statik), darum sind die Wachstumsfugen des ganzen Körpers relevant. Die Wachstumsfugen des Rückens, die beim Reiten der größten Belastung ausgesetzt sind (Hängebrückenprinzip), schließen sich erst nach 5 bis 6 Jahren. Dass nicht geschlossene Wachstumsfugen keiner umphysiologischen Belastung ausgesetzt werden sollen, hat die Medizin vor einigen Jahren herausgefunden.
Zum Jahresvergleich Pferd-Mensch: Ein 4 Jähriges Pferd ist noch im Wachstum - ein 25 jähriger Mensch nicht. 

Herzliche Grüße

Herdis Hiller

 

 

 

Kommentar von Werner Rockinger |

Solange das auch noch berücksichtigt wird, bin ich mit Ihren Ausführungen bedingt einverstanden. Ich bleibe trotzdem bei der Meinung, unter 4 Jahren hat kein Reiter was auf einem Pferd zu suchen. Mein Red Fox ist jetzt 37 und es macht ihm immer noch Freude , je nach Temperatur, 1 -2 Std im Gelände rumzutoben.

Kommentar von Chrisa |

Hallo Herdis,
vielen Dank für diesen Beitrag, er spricht mir aus der Seele!
Ich bin "Mama" einen mittlerweile gut 7jährigen Pferde-Kindskopfs, mit dem ich seit nun einem Jahr das Reiten "übe".
Für mich ist das Thema "Beritt" in der Praxis auch völlig neu, ich versuche, mir viel anzulesen und hole mir (gelegentlich) Unterstützung durch die Teilnahme an verschieden Kursen.
Dadurch halte ich jedoch automatisch eine Geschwindigkeit ein, die weder mein Pferd noch mich in der Umsetzung überfordern.
Und mit etwas Glück kann er auch in 30 Jahre noch putzmunter im Gelände toben ;)

 

 

Antwort von Herdis Hiller

Liebe Chrisa,

vielen Dank für Deinen Kommentar!

Du hast da auch noch einen sehr wichtigen Aspekt erwähnt, auf den ich noch gar nicht eingegangen bin! Die Zeit, die der Reiter braucht! Du hast völlig Recht, es ist auch tptal wichtig, sich selbst nicht zu überfordern. Denn ein überforderter Reiter kann dem jungen Pferd gar nicht die Gelassenheit und Führung bieten, die es braucht. Chapeau! Vielen Dank für den Gedanken!

Ganz liebe Grüße

Herdis

 

 

 

Wir verwenden eigene Cookies und Cookies von Drittanbietern aufgrund unseres berechtigten Interesses an zielgerichteter Werbung (Art. 6 Abs. 1 lit f DSGVO). Näheres in unserer Datenschutzerklärung.
Mehr erfahren