Blog-Eintrag

Umziehen ohne Trauma-Potenzial

09.01.2017 - 11:17
von Herdis Hiller
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Für uns Menschen ist ein Umzug meist eine aufregende und schöne Sache - vor allem ist sie nicht weltbewegend. Denn wir nehmen ja all unseren Hausstand, unsere geliebten Menschen und Tiere mit. Für Pferde hingegen ist ein Umzug der Verlust von fast allem, was ihnen Halt, Sicherheit, Vertrauen und Nähe gibt. Geschieht der Umzug unvorbereitet, auf eine ungünstige Art und Weise und zu einem schlechten Zeitpunkt, kann dieser zu einem Trauma für das Pferd werden.

Die meisten Pferde sind mindestens ein halbes Jahr von den negativen Auswirkungen eines Umzugs betroffen - manche auch deutlich länger. Das zeigt, wie schwerwiegend ein Umzug für Pferde ist - und wie wichtig es darum ist, dass wir unser Pferd bestmöglich darauf vorbereiten und Umzüge nicht leichtfertig in Betracht ziehen.

 

Maßnahmen zur Vorbereitung des Pferdes auf den Umzug

 

  1. Stress reduzieren bereits im Vorfeld

Eines ist sicher, egal wie gut Ihr vorbereitet seid, der Umzug bedeutet viel Stress für Dein Pferd. Und Stress (gerade anhaltender) ist nicht nur sehr schädlich für Körper und Seele, sondern erschwert auch die Integration in eine neue Gemeinschaft. Denn alle Fluchttiere suchen Ruhe und Entspannung. Darum gehen sie gerne mit ruhigen und entspannten Menschen mit, regen sich bei unentspannten hingegen gerne auf (Stimmungsübertragung). Da Stress kein angenehmer Zustand ist, versucht jedes Wesen diesem aus dem Weg zu gehen. Das bedeutet: wenn ein Pferd Stress ausstrahlt, werden anderen Pferde dieses eher meiden oder sogar ausgrenzen… was für den Neuankömmling noch mehr Stress bedeutet.

Eine der wichtigsten Maßnahmen ist also, den Stresslevel zu senken. Hierzu empfehle ich eindeutig keine Medikamente zu nehmen, da diese auch die Sinne des Pferdes benebeln, was vielen Pferden noch deutlich mehr Stress macht als ohnehin schon (und es außerdem nicht mehr adäquat auf die neuen Stallkollegen reagieren kann).

Darum empfehle ich zur Stressreduktion Kräuter, ätherische Öle (z.B. Lavendel, YlangYlang) und Bachblüten (z.B. Walnut, Mimulus, Honeysuckle) zu nehmen. Diese haben keine negativen, sedierenden Wirkungen, sondern beruhigen einfach nur die Nerven. Wichtig ist hierbei: Mindestens zwei Wochen vorher sollte mit dem Einsatz dieser natürlichen Mittel begonnen werden, da diese (zumindest einige Kräuter und die Bachblüten) nicht sofort voll wirksam sind.

 

  1. Das Pferd seelisch vorbereiten

Wenn Ihr Euerm Pferd „erzählt“ wie der neue Stall und die anderen Pferde so sind und dass das alles „total klasse“ wird, dann wird Euer Pferd den Umzug viel leichter verkraften können. Hierzu müsst Ihr Euch nur einmal Ruhe und Zeit nehmen, Euch zu Euerm Pferd setzen (z.B. auf die Weide oder in die Box) und an diesen Stall und seine Bewohner denken. Je detaillierter die Bilder sind, die in Eurem Kopf entstehen, und je mehr ihr diese mit positiven Emotionen verknüpft, desto klarer wird der Eindruck beim Pferd. Und dann könnt Ihr Euch vorstellen, wie es sein wird, wenn Ihr zwei dort seid, wie Ihr Spaß zusammen haben und wie Euer Pferd Spaß haben wird mit den anderen Pferden, wie es soziale Fellpflege mit den anderen betreibt, sich wälzt, genüsslich herrlich grünes Heu oder Gras frisst, die Vögel zwitschern, die Sonne scheint und ein laues Lüftchen weht.

Macht das gerne mehrmals vor dem Umzug. Und Euer Pferd wird freudiger in den Hänger steigen.

 

  1. Maßnahmen zur leichteren Vergesellschaftung mit fremden Pferden

Auch dies kann und sollte bereits im Vorfeld geschehen, Wochen bevor Ihr überhaupt umziehen wollt. Hierzu könnt Ihr Euch die Fähigkeit des Pferdes zunutze machen, sich Informationen über Gerüche verfügbar machen zu können.

Ihr bringt die Äppel Eures Pferdes sowie eine Decke, Satteldecke, Abschwitzdecke Eures Pferdes in den neuen Stall und lasst sie wenn möglich so lange bei den zukünftigen Pferdekumpels bis Ihr anreist. Aber Achtung! All diese Geruchsproben müssen in einer entspannten Situation entstanden sein! Denn der Geruch würde sonst Stress und Angst transportieren – und das ist ja genau die Botschaft, die wir nicht haben wollen.

Umgekehrt bringt Ihr Mist und ggf Decken der neuen Kumpels mit zu Eurem Pferd in den alten Stall. So können sich beide Seiten bereits Wochen vorher anhand des Geruchs kennenlernen, ohne sich direkt begegnet zu sein.

Kommt Ihr dann mit Eurem Pferd im neuen Stall an, stellt es bitte nicht sofort zu den anderen Pferden, sondern gebt ihm die Zeit sich zu beruhigen und zu akklimatisieren. (Dies ist auch wieder in Hinsicht auf die negative Reaktion der anderen Pferde auf Stress wichtig.) Lasst Euer Pferd erstmal ankommen, sich an den neuen Stall gewöhnen, die Fahrt verdauen und sich ordentlich locker bewegt haben.

Wenn möglich, ist es toll, ein passendes Pferd aus der neuen Herde zu Eurem dazu zu stellen. Diese beiden können sich dann anfreunden, Euer Pferd gewinnt einen ersten Freund, welcher dann bei der Integration in die Herde sehr wertvolle Dienste leisten kann.
Und auch der Rest sollte schrittweise, nach und nach erfolgen. Zum Beispiel als nächstes die beiden auf eine Weide neben die Herde stellen, damit sich alle über den Zaun hinweg noch näher kennenlernen können, bevor man sie endgültig vergesellschaftet.

 

  1. Der Umzug selbst

Nehmt Euch am besten für den Tag des Umzugs und wenn möglich auch für die folgenden Tage frei. Denn es ist sehr wichtig, dass Ihr entspannt und nicht in Zeitnot seid. Denn das beste Rezept ein Pferd nicht auf den Hänger zu bekommen, ist Hektik :D

Dann könnt Ihr in die Ruhe den Hänger fertig machen: alle Stress- und Angstgerüche sollten gründlich ausgewaschen sein. Ein (stressfreier) Kothaufen des eigenen Pferdes sollte sich darin befinden, ebenso wie das Lieblings-Futter und eine rutschfeste Unterlage. Für sehr nervöse Pferde, die bereits im Vorfeld ihre Vorliebe für einen bestimmten entspannenden Duft (ätherische Öle) bekundet haben, dürfen auch einen Tropfen des Öls unter die Nüstern und einen auf die Herzgegend bekommen. (Aber Achtung: Sollte die Vergesellschaftung mit den neuen Pferdekumpels am gleichen Tag stattfinden, müssen die neuen auch diesen Duft bereits vorher kennengelernt haben!)

An diesem Tag darf etwa 1 Stunde vor dem Verladen ausnahmsweise eine zweite Portion Beruhigungskräuter gegeben werden (wenn Ihr wisst, dass Euer Pferd eher der nerväse Typ ist und sich auf der Fahrt gerne aufregt). Dann ist natürlich auch eine Abschwitzdecke wichtig, damit es sich auf der Fahrt nicht verkühlt – und vor allem, damit der Stress-Schweiß-Geruch so wenig wie möglich auf dem Pferdekörper verbleibt.

Dass Verladen lange vorher geübt und zum Umzugstag sicher möglich sein sollte, versteht sich von selbst. Ein Pferd mit Besen und Longe und Geschreie nach stresshaften Stunden in den Hänger bugsiert zu haben, muss unweigerlich zu einem schlechten Start im neuen Stall führen.)

Nach dem Ankommen ist nur eines wichtig: Entspannen und Stress abbauen. Manchen Pferden tut es gut, wenn sie bewegt werden. Also einmal schön an der Longe oder beim Freilaufen auf einem Paddock allen Stress runterbuckeln. Und dann gemeinsam Grasen gehen und runterkommen. Mehr würde ich an diesem ersten und auch den nächsten Tagen nicht tun. Wer Lust hat und die Möglichkeit, kann auch die ersten Nächte mit dem Pferd im neuen Stall verbringen. Ein kleines Abenteuer für Euch und ein Herzensgeschenk an Euer Pferd.

 

Ich wünsche Euch einen entspannten Umzug in einen tollen, neuen Lebensabschnitt!

Von Herzen

Eure Herdis

 

 

copyright Foto: Linda George shutterstock.com

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