Blog-Eintrag

Über Angst bei Pferden und Reitern

30.01.2015 - 16:25
von Herdis Hiller
(Kommentare: 3)

Viele Menschen geben vor, niemals Angst zu haben. In unserer Gesellschaft gilt Angst als etwas Peinliches & Degradierendes, ja als eine Schwäche. Die Konsequenz aus einer derartigen Ablehnung ist, dass wir uns überhaupt nicht mit dem Thema Angst beschäftigen. Das wiederum führt dazu, dass die meisten von uns im Umgang mit der Angst absolute Analphabeten sind.

Das wäre ja grundsätzlich kein Problem, wenn nicht in jedem Lebewesen Angst zur instinktiven Grundausstattung gehörte. Angst ist in unseren Genen festgeschrieben. Denn sie sorgt dafür, dass wir überleben und unsere Gene weitergeben. Angst verhindert, dass wir einem Tiger an den Barthaaren ziehen oder bei 200 Sachen aus dem Auto springen (von Stuntmen einmal abgesehen). Jeden einzelnen Tag. Seit Jahrmillionen. Und da die, die zu leichtfertig waren, schnell das Zeitliche segneten, vermehrten sich nur die Ängstlichen. Vor diesem Hintergrund zu behaupten, man habe keine Angst, ist demnach eigentlich lächerlicher als ehrlich zu erklären, dass Angst ganz selbstverständlich zum eigenen Leben dazu gehört.

Doch warum ist das in puncto Reiten und Pferdeverhalten ein Problem?

Zum einen, weil ein ängstlicher oder traumarisierter Reiter selten die Unterstützung und Anleitung bekommt, die er benötigt, um diesen wunderbaren Sport auszuführen. Die meisten, die es nicht schaffen, ihre Angst zu verdrängen oder die traumatische Erfahrungen nicht vergessen können, geben das Reiten irgendwann auf. Aus Ermangelung an Alternativen! Das ist sehr schade, denn wir alle wissen, wie sehr das Reiten ein Herzensbedürfnis sein kann.

Zum anderen, und das ist viel häufiger das Problem, sind Analphabeten in Sachen Angst absolut schlechter Anführer eines Tieres, dessen Leben als Beutetier ständig von Angst geprägt ist. Wer keine Ahnung von der Funktion und vor allem auch den Chancen der Angst hat, der nimmt angstbasiertes Verhalten wie Durchgehen, Wegspringen, Stehen bleiben usw. persönlich. Der denkt, das Pferd will ihn „verarschen“ und wird wütend. Und wenn wir wütend sind, lassen wir Menschen noch mehr das Raubtier heraushängen als ohnehin schon. Wir stellen uns also vor: Das Pferd hat nicht nur ein furchterregendes Etwas vor sich, sondern auch nur ein Raubtier auf sich! Kein Wunder also, wenn die Situation eskaliert.

Doch was ist mit „bei Pferden darf man keine Angst haben“ bzw. „wer Angst hat, wird vom Pferd nicht respektiert?

Diese Meinung geistert schon ziemlich lange durch sämtliche Pferdeställe und ist schlicht und einfach falsch! Im Gegensatz zu uns ist Pferden sehr wohl „bewusst“, dass Angst zum Leben dazu gehört. Für sie ist Angst ein ganz normaler Bestandteil des Seins auf Erden, der nicht bewertet wird. Pferde teilen nicht ein in „schlecht“ oder „gut“. Pferden ist total egal, ob etwas „in“ oder „unschicklich“ ist. Sie sind, wer sie sind. (Und in dieser Hinsicht sind sie uns wirklich meilenweit voraus). Darum ist es auch völlig natürlich, dass auch ein Herdenführer, eine Leitstute Angst hat. Das degradiert sie nicht. Sonst gäbe es nämlich keine Anführer im Tierreich. Die Existenz der Angst ist also nicht das Thema. Was eine Leitstute von einem Tier in der unteren Ebene der Rangordnung unterscheidet, ist nur die Kompetenz, mit dieser Angst umzugehen. Eine Leitstute kann trotz Angst agieren, gute Entscheidungen treffen und Umsicht behalten. Sie kann für Ihre Herde sorgen, OBWOHL sie Angst hat. DAS macht sie zur Leitstute.

Denn Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Fähigkeit, mit der Angst effektiv umzugehen.

„Mutig ist nicht der, der sich niemals fürchtet, sondern der, der diese Furcht besiegt hat.“ (Nelson Mandela)

Und ein Anführer kann das. Er hat seine Angst mehrfach bezwungen und hat seiner Herde gezeigt, dass er, wenn alle panisch durcheinander laufen, Ordnung schaffen und die anderen in Sicherheit bringen kann. Doch um seine Angst besiegen zu können, muss man sich ihr erst einmal stellen. Wer behauptet, er habe keine, läuft vor ihr weg und wird sie niemals besiegen. Irgendwann wird sie ihn einholen, spätestens auf dem Totenbett - und dann wird es grausam, weil er keine Strategien entwickelt hat, mit ihr klar zu kommen.

Ist das ein Plädoyer für die Angst?

 Ja! Sie schützt unser Leben! Ohne sie wären wir längst ausgestorben. Sie ist da und wir sollten endlich lernen, uns ihr zu stellen. Pferde tun das jeden Tag. Mehr oder minder erfolgreich. Denn der Erfolg hängt davon ab, wie ihr Umfeld auf die Angst reagiert. Wer gelernt hat, seine Hirnströme zu verlangsamen, meditative Ruhe auszustrahlen und für das Pferd „ein Fels in der Brandung“ und die „Ruhe im Sturm“ zu sein, der wird seinem Pferd beibringen, Ruhe zu bewahren. Und das wird soweit führen, dass das Pferd seinen tiefsten Instinkt, den Fluchtinstinkt, überwinden kann, um bei dem zu bleiben, dessen Ruhe ihm Schutz und Führung bietet. Nur ein Reiter, der sich seiner eigenen Angst gestellt hat und ein mutiger Anführer ist, wird ein gelassenes und vertrauensvolles Pferd bekommen.

Was bedeutet das für ängstliche Reiter?

Sie reiten noch? Dann sind Sie mutiger als die meisten Menschen! Mutiger als all die Reiter, die sie für Ihre Angst belächeln! Denn:

 „Der Unwissende hat Mut, der Wissende hat Angst.“ (Alberto Moravia)

Ängstliche Wesen, ob tierisch oder menschlich, sind meist die besonders sensiblen, wahrnehmungsstarken und intelligenten Lebewesen! Denn diese wissen besser Bescheid über die Risiken und haben eine bessere Intuition als die anderen. Wer Risiken nicht einschätzen kann, hat selbstverständlich auch weniger Angst! Machen Sie sich das bewusst! Sie sind mutig! Und Sie sind ein wenig schlauer als die vermeintlich furchtlosen. Das lehrt uns auch die Genetik.

Warum sind wilde Tiere scheuer als domestizierte? Weil bei ihnen die Gene noch ganz natürlich geformt werden. In freier Wildbahn ist (wie schon oben erwähnt) fehlende Angst mit schnellem Tod gleichgesetzt. Wilde Tiere können sich fehlendes Risikobewusstsein also gar nicht leisten. „Draufgängertum“ kann also nur in geschützten Gesellschaften entstehen, in denen nicht mehr allein die Natur die Weitergabe der Gene kontrolliert. Menschen haben durch Sozialstaat und Technik die „natürliche Auslese“ ein Stück weit ausgehebelt. Die natürlichen Feinde des Menschen stellen nicht mehr eine so starke Bedrohung dar wie früher. Es konnten also auch Menschen entstehen, deren Risikobewusstsein im evolutionären Sinne „unterentwickelt“ ist. Eine Gesellschaft, die Angstfreiheit zur Tugend erhob, hat in die gleiche Kerbe geschlagen.

Aber, lieber Angst-Reiter, über eines können Sie sicher sein: Wenn sich die Natur irgendwann wieder durchsetzt, und das wird sie, (das hat sie immer), dann werden Sie überleben … ;)

Es gibt also keinen Grund sich zu schämen! Und wer sich nicht zu schämen braucht, der kann die Blockaden auflösen, die ihn hindern. Der kann seiner Angst ins Gesicht sehen, sich ihr stellen, und aufs Pferd steigen. Und dann werden sie eine gute Erfahrung nach der anderen machen. Und ihr Gehirn wird nach und nach die alten eingetreten Denkpfade überschreiben. Und dann werden Sie wieder Spaß haben an diesem wunderbaren Hobby!

Selbst der Prototyp des „furchtlosen Reiters“, John Wayne, erklärte einst: „Mut ist trotz Todesangst wieder in den Sattel zu steigen.“

Und ich weiß, dass viele von den sogenannten Angst-Reitern das jeden Tag tun. Werden Sie sich bewusst, dass Sie mutiger sind, als all die anderen, die keine Angst zu kennen glauben. Sie steigen auf OBWOHL Sie Angst haben. Es ist leicht sich aufs Pferd zu schwingen, wenn man keine Angst zu fühlen glaubt. Es ist sehr schwer, wenn man seiner Angst direkt ins Gesicht sehen muss. Seien Sie stolz auf sich! Jeden Tag! Und gestatten Sie sich, auch manchmal einfach nicht aufzusteigen. Das ist okay! Sie müssen ja auch einmal Kraft schöpfen und Ruhe finden! Seien Sie gut zu sich!

Und dann werden Sie vielleicht irgendwann ein Pferd treffen, das besonders ängstlich ist. Und Sie werden genau der richtige Mensch sein, diesem Pferd zu helfen, seine Angst zu überwinden!

 

Wer mehr zum Thema Angst beim Menschen lesen möchte, findet hier einen interessanten Artikel.

Bild: taviphoto @ Fotolia

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Kommentar von Schwenkyline |

 

Kommentar 1

Wie es immer so ist im Leben bin ich gerade "zufällig" auf diesen wundervollen Artikel gestoßen und ich bin tief berührt. Meine Geschichte und ich bin hab mich gerade "auf den Weg" gemacht.Ich hab mich in so vielem wieder erkannt und dann der letzte Absatz:

"Und dann werden Sie vielleicht irgendwann ein Pferd treffen, das besonders ängstlich ist. Und Sie werden genau der richtige Mensch sein, diesem Pferd zu helfen, seine Angst zu überwinden!

Diese Stute hat mich vor einem halben Jahr gefunden!!
LG schwenkyline

Antwort von Herdis Hiller

 

 

Antwort: 

Ja, so läuft das Leben! Großartig, was? Ich bin auch immer wieder fasziniert!

Alles Liebe für Euch zwei!

Liebe Grüße!

Herdis Hiller

Kommentar von Regina Hammer |

Vielen, lieben Dank für diesen Artikel. Nun schäme ich mich nicht mehr wegen meiner Angst. Nach einem schweren Reitunfall vor 10! Jahren an dem mein Pferd keine Schuld hatte, habe ich noch immer Angst. Jedes Mal wenn ich im Sattel sitze reitet sie mit. Meine Tochter lacht mich nur aus und meint ich bin einfach nur zu blöd und solle mich mal mehr durchsetzen. Ich möchte aber nicht über mein Pferd herschen, sondern einfach nur eine schöne Zeit mit ihm haben. Der Artikel hat mir genau im richtigen Moment wieder Mut gemacht. Danke

Antwort von Herdis Hiller

 

 

Antwort: 

Liebe Frau Hammer, 

ich freue mich, dass Ihnen mein Artikel geholfen hat! (Dafür ist er da :)

Nein, schämen müssen Sie sich wirklich nicht! Sie sind nur ein sehr schlauer Mensch, der sich davor schützt, ein zweites Mal in eine lebensbedrohliche Situation zu kommen. Niemand kann und darf dies verurteilen.
Ich empfehle Ihnen, dieses Erlebnis mit einem Coach oder Trainer zu bearbeiten, damit sie es nach so langer Zeit bald loslassen können. Und ich freue mich sehr für Sie, dass Sie immer noch reiten! Hut ab!

Herzliche Grüße!

Herdis Hiller

Kommentar von Tanja Lakomski |

Liebe Herdis,
welches Glück, Dich hier im www gefunden zu haben!
Vor zweieinhalb Jahren hat mich mein Hank gefunden, er ist mittlerweile wieder ganz gut von seiner übermäßigen Angst "geheilt", sein Löwenherz kommt zum Vorschein...
Bin ihn noch nie geritten und ringe jetzt mit meiner Angst aufzusteigen...
Das nächste Thema, das sich zeigt für mich: Vertrauen
Danke, für deine wunderbaren Artikel

Herzlichen Gruß
Tanja

Antwort von Herdis Hiller

 

 

Liebe Tanja, 

vielen Dank für Deine liebe Rückmeldung! Schön, dass Ihr Euch gefunden und ein großes Thema bereits gelöst habt! Das zweite Thema wird folgen, wenn es an der Zeit ist :)

Liebe Grüße

Herdis

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