Blog-Eintrag

Sprechen mit Zügel, Strick und Leine

26.07.2017 - 11:46
von Herdis Hiller
(Kommentare: 1)

Berührungen und Bewegungen sind wichtige Elemente in der Sprache der Pferde. Logisch also, dass wir besonders effektiv mit dem Pferd kommunizieren können, wenn wir dieses Vokabular ebenso verwenden. Indem wir z.B. den Hals des Pferdes kurz berühren, um zu sagen „Achtung! Da kommt gleich ein Fahrradfahrer!“, wenn wir unseren Arm gen Hinterhand schwingen, wenn wir möchten, dass diese sich fort bewegt, oder indem wir unsere Hand auf den Widerrist des Pferdes legen, um zu Verstehen zu geben: „Entspann Dich! Es ist alles gut. Ich bin bei dir!“ Diese Gesten sind wesentlich wertvoller und wirkungsvoller als sämtliche Stimmkommandos - zumindest wenn es uns nicht um das Abrufen konditionierten Verhaltens geht, sondern um Kommunikation. 

Am Pferd haben wir aber oftmals einen Zügel, einen Strick oder eine Leine in der Hand. Dennoch muss und sollte die Kommunikation nicht plötzlich abreißen. Im Gegenteil. Diese unbelebten Hilfsmittel können ganz genauso eingesetzt werden, wie eine kommunikative Berührung, Geste oder Bewegung. Wer die Leine ausschließlich als Leine betrachtet, nimmt sich und seinem Pferd ein riesiges Spektrum an Lernpotential und auch an Interaktion. Darum ist für mich nichts gruseliger als Ratschläge wie „Halte die Leine/den Strick/den Zügel so, dass sie/er immer die gleiche Länge hat.“ Denn das Ergebnis ist, sich auf einen unbelebten Gegenstand zu fokussieren anstatt auf das Lebewesen, das sich am anderen Ende befindet. 

Pferde merken sofort, ob wir über Hilfsmittel mit ihm kommunizieren oder nicht. Eine statische Zügelhand gibt dem Pferd das Gefühl, dass es nicht gehört wird. Und es ist ja auch so. Eine statische Hand sieht möglicherweise gut aus, aber sie reagiert nicht auf das Pferd, gibt keine Rückmeldung und kommuniziert nicht. Ein sprechender Zügel tippt z.B ganz sanft und fein kurz an und sagt „Achtung! Da kommt gleich ein Fahrradfahrer!“. Eine sprechende Zügelhand schließt sich kurz und sehr sanft, um z.B. auf die Hinterhand aufmerksam zu machen und eine weiche, nachgiebige Hand sagt: „Entspann Dich! Es ist alles gut.“

Den meisten Leuten fällt es leichter dieses Konzept in Gänze zu verstehen, wenn wir gedanklich einmal weg gehen vom Zügel (der ja in unseren Köpfen viel mit reiterlichen Hilfen zu tun hat) und uns dem Führstrick zu wenden. 

 

Folgende Übung kann hilfreich sein:

Gehe mit Deinem Pferd spazieren. (Achte wie immer darauf, leicht vor dem Pferd zu gehen, sichere die Umgebung ab, sei mit allen Sinnen im Jetzt und Hier, erst bei Dir und deinem Umfeld, dann beim Pferd.) Und nun reduziere alle deine kommunikativen Möglichkeiten (Berührungen, Körpersprache, Bewegungen, Stimme usw.) auf ein einziges Sprachrohr: Deinen Strick. Sage Deinem Pferd mit dem Strick, wenn es auf Dich oder auf etwas anderes aufmerksam sein soll. Erzähle ihm, ob gerade Achtsamkeit oder Entspannung angesagt ist. Bitte es an einer bestimmten Stelle anzuhalten, zur Seite zu gehen, rückwärts zu gehen usw. ABER gebe dabei nie mehr als einen kleinen, kurzen Impuls, der so leicht ist wie ein Spatz auf Deiner Hand, und der nie länger anhält als eine Sekunde. Du darfst nicht ziehen, nicht drücken, nicht schieben. 

 

Wenn alle anderen Möglichkeiten wegfallen, dann beginnt Kommunikation. Und wenn sie zu Beginn lautet: „Bitte achte auf mich!“ - „Graaaas! Wie cool!“ ist das völlig okay :D Eine neue Sprache ist nicht von heute auf morgen gelernt. Übung macht wie immer den Meister. 

Wenn Ihr aber über den Stick kommunizieren könnt und Euer Pferd verstanden hat, dass ihr mit ihm sprecht, auch wenn ihr „nur“ ein Hilfsmittel in der Hand habt, dann beginnt es auch mit euch zu sprechen.

Hierfür ist es unbedingt erforderlich, immer sanft den Kontakt zum Pferdemaul / Kopf / Hals zu halten. Wenn die Longe auf dem Boden schleift oder die Leine immer auf exakt 1,20 Metern gehalten wird, bricht die Kommunikation ab. Ein Beispiel aus dem Hundebereich: Wenn wir die Leine immer an gleicher Stelle fest halten und wir zum Beispiel einen jungen, sehr lebhaften Terrier am anderen Ende haben, passiert folgendes: Der Hund geht neben uns = die Leine hängt komplett durch, wir kommunizieren nicht. Der Hund rennt vorwärts = wir kommunizieren nicht. Der Hund rennt ins Ende der Leine und somit ins Halsband oder Geschirr = Die Leine sagt „Stop!“ Es gibt keine Ankündigung, keine Übermittlung dessen, was wir möchten, was wir vom Hund erwarten und wieso plötzlich „Halt“ angesagt ist. Es gibt nur Sprachlosigkeit und Stop. Das kann kein Tier verstehen. Halten wir mit der Leine allerdings immer Kontakt, können wir bereits beim Lossprinten mit einem sanften Schließen der Hand sagen „Achtung! Nicht so schnell, ich möchte nicht, dass du ins Ende der Leine läufst!“ Jetzt versteht der Hund uns und hat überhaupt erst eine Chance zu lernen. 

Drum, immer wenn ich eine Leine in der Hand habe, egal ob es ein Strick, ein Zügel, eine Longierleine oder eine Hundeleine ist: meine Hände beginnen sofort zu kommunizieren und zwar so, wie ich möchte, dass der Vierbeiner auch mit mir kommuniziert: fein, sanft und mit Leichtigkeit. Denn alles kommt zu uns zurück. Wenn ich zum Ausbremsen meinem Pferd im Maul reiße, oder meinen Hund ins Ende der Leine laufen lasse, muss ich mich nicht wundern, wenn mein Pferd mich ein anderes Mal umrempelt oder mein Hund mir in die Hacken beißt ;)

Natürlich sollte sich unsere Kommunikation später nicht nur auf diesen einen Sprachkanal beschränken! Im Gegenteil! Gerne sollte die Kommunikation mit einem inneren Bild beginnen und anschließend vor allem über den Körper erfolgen. Doch nicht immer sind wir Menschen gut genug darin, um unserem Pferd allein gedanklich und körpersprachlich klar zu machen, was wir meinen. Dann ist es sinnvoll, wenn wir die Sprache der Berührungen nutzen. Und letztendlich ist die Kommunikation über eine Leine nichts anderes als eine Berührung aus der Ferne.

 

Viel Spaß beim Kommunizieren wünsche ich Euch! :)

 

Eure Herdis

 

 

photo copyright Chelle129 shutter stock.com

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Kommentar von Christina |

Liebe Herdis,
endlich wieder ein neuer Blogbeitrag und was für einer! So viel Wahres darin.
Besonders spricht mich gerade die Geschichte mit der Hundeleine an, dass eben nur durch Kommunikation der Weg zum Lernen möglich wird, da ich letztens eine ähnliche Erfahrung gemacht habe.
Ich habe mit meinem Pferd an einem Verladetraining teilgenommen, und dabei genau das erlebt. Nachdem mein Pferd durch Vorübungen und erste Verladeversuche am Vormittag schon gut vorbereitet war, sollte ich es am Nachmittag selbst versuchen. Ich habe mein Pferd, so wie vom Trainer vorgemacht, auf den Hänger geführt und ca. einen halben Meter vor der Bruststange hat das Pferd den Rückwärtsgang eingelegt und stand wieder draußen... Was war passiert?
Ich hatte in dem Moment, in dem die Aufgabe FAST geschafft war, jegliche Kommunikation eingestellt und das Pferd völlig ratlos im Hänger alleine gelassen.
Ich glaube, dass das ein Problem des Konzepts der negativen Verstärkung ist. Es wird gelehrt, dass der Druck aufhören muss, wenn das Pferd etwas richtig macht; was einem aber keiner so richtig sagt ist, dass die Kommunikation trotzdem (oder gerade deshalb?!) IMMER weitergehen muss.
Für mich war diese Situation am Hänger ein Schlüsselerlebnis, das mich in der Zusammenarbeit und Beziehung zu meinem (manchmal etwas unsicherem) Pferd wirklich weitergebracht hat. Was ich verstanden habe als "Druck weg" war für ihn "sie lässt mich alleine, gerade jetzt, wo ich sie brauche"

 

 

Antwort von Herdis Hiller

Liebe Christina, 

wow, das hast Du toll beschrieben und erkannt! Großartig! :)

Genau das ist das Problem. Wir müssen unserem Pferd immer primär erzählen, was wir uns von ihm wünschen. Wenn wir das nicht tun und immer nur "Nein!" sagen, erzeugt das irgendwann Überforderung und Hilflosigkeit, Wut oder Resignation. Kommunikation und Erklärungen sollte immer die Grundlage sein - Verstärkung kann dann zusätzlich (wie das Wort schon sagt) bestimmtes Verhalten verstärken, aber ich finde es gut, dies immer als eine Art Zusatz und nicht als die Basisarbeit zu betrachten. Zumal Pferde es lieben, selbst zu "denken" und Rätsel zu lösen ;)

Ganz liebe Grüße

Herdis