Blog-Eintrag

Rio oder Mein Weg zurück zum Kern

01.09.2019 - 11:30
von Herdis Hiller
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Mein Leben gleicht momentan einem Wollknäuel, mit dem eine Horde Katzen gespielt hat: Sämtliche Fäden sind kreuz und quer durch die Wohnung verteilt und haben sich um Möbelstücke und Dekoelemente gewickelt. Im Versuch, den einen Faden aufzuheben, dort einen Anfang zu finden, um das Knäuel zu entwirren, reißt man unwillkürlich an einem anderen Faden und zieht an anderer Stelle das Wirrwarr noch weiter zusammen.

Meine innere Ruhe und Ausgeglichenheit, die mich eigentlich als Person kennzeichnen, sind derzeit reine Wunschvorstellung. Ständig fühle ich mich zerrissen zwischen all den Aufgaben und verliere den Faden, muss einen neuen aufgreifen, weil der gerade noch wichtiger erscheint und verzettele mich, verausgabe mich, brenne mich aus. Das macht mich dünnhäutig, gereizt und unglaublich müde. 

In einem Gespräch mit meinem Freund, der Pferde sehr mag aber kein „gebürtiger“ Pferdemensch ist, fragte er mich, wieso Pferde so vielen Menschen so wichtig seien, dass sie Unmengen an Geld für sie ausgäben. Ich wollte ihm sofort antworten, denn schließlich bin ich ein Pferdemensch und gebe Unmengen an Geld für sie aus,… aber ich konnte nicht… ich hatte keine Antwort für ihn. Und noch viel schlimmer: Ich hatte keine Antwort für mich! Ich hatte meine Antwort, mein Warum verloren auf diesem steinigen Weg der letzten Zeit… Das machte mich unendlich traurig. Aber ich war auch sehr froh darüber, dass mein Freund mich auf diesen so wichtigen Punkt aufmerksam gemacht hatte mit seiner Frage. 

Und dann kam Rio. 

Eine zukünftige Einstellerin bat mich, ihr Pferd im alten Stall abzuholen, und zu uns zu bringen. Und sie bat mich, mit ihr und ihm zu trainieren. (Ich hatte meine pferdepsychologische Arbeit seit etwa einem Jahr auf Eis gelegt, weil ich einfach keine Zeit und innere Ruhe mehr dafür gefunden hatte.) 

Ich dachte, es würde sich mit Rio einfach um ein typisches „Wie optimiere ich meinen Umgang mit dem Pferd“-Training handeln. Doch als ich Rio sah, wurde mir klar, dass es um weit mehr ging: 

Ich sah ein hochgradig gestresstes Pferd, das ständig aufgeregt auf und ab lief, so voller Cortisol, dass alle Adern hervortraten, der ununterbrochen äppelte und laut hörbar mit den Zähnen knirschte. Trat man an den Zaun heran, startete er sofort einen Angriff, sodass alle Leute im Stall zurückschreckten und so viel Angst vor ihm hatten, dass sie seine Besitzerin gebeten hatten, so schnell wie möglich auszuziehen. 

Wir brachten Rio zu uns und ich begann mit ihm zu arbeiten. Seine Strategie, sich Menschen fern zu halten, indem er angriff, seine Phasen, in denen er absolut keine Kontrolle über sich hatte und all die Angst, die ihn manchmal scheinbar wahnsinnig zu machen schien, erinnerten mich sofort an Lotti (,meine wunderschöne Stute, mit der mein Weg in der Pferdepsychologie begann). Der einzige Unterschied zwischen den beiden, war, dass Lotti den Angriff damals voll durchgezogen hatte und Rio hingegen "nur" ein guter Schauspieler war. Rio war kein Anführer, hatte eigentlich gar nicht so viel Feuer. Er hatte einfach nur schreckliche Angst. Er wollte niemanden erschrecken, er wollte niemandem weh tun und er wollte so gerne wieder der Alte sein. Er war so traurig darüber, sich selbst verloren zu haben. … so sehr wie ich… 

Wir wussten, dass wir beide das gleiche Thema zu bearbeiten hatten. Wir verstanden einander. Und er begann mir schnell zu vertrauen. Das Verladen war trotz der schlechten Voraussetzungen ein Kinderspiel. Und von da an wurde er jeden Tag ein wenig ruhiger und jeden Tag ein wenig mehr er selbst. Und ich fand durch ihn zu meinem Kern zurück. Zu meinem Warum. Und das gleich auf mehrfache Art und Weise: 

Ich begann, vor jedem Kontakt mit ihm, kurz zu meditieren, mich zu erden, mich zu beruhigen und in meine Mitte zu kommen, weil ich wusste, dass meine Unruhe negative Auswirkungen auf ihn gehabt hätte. Ich hatte immer gewusst, wie das geht; dies war immer ein selbstverständlicher Teil meiner Arbeit gewesen, aber ich hatte es das ganze letzte Jahr nicht angewendet… Ich hatte ja keine Zeit gehabt… Nun hatte ich immer noch keine Zeit, aber ich hatte einen Grund: Ich tat es für ihn. Und ich erreichte damit auch viel für mich.

Die Erinnerungen an Lotti, die er auslöste, brachten mich in Kontakt mit meinem Anfang, mit meinem Grund, warum ich begonnen hatte mit Pferden zu arbeiten. Ich wollte Pferden wie damals Lotti und heute Rio einen Weg zeigen aus dem Trauma, aus der selbstgewählten Isolation und aus den negativen Emotionen, die sie gefangen hielten. Ich wollte ihnen zeigen, dass Menschen gar nicht so übel sein müssen, und dass sie einem Halt und Sicherheit geben können, wenn man sich darauf einlässt. Und dass am Ende eine Beziehung stehen kann, die so wichtig, so tief und so wertvoll ist, dass sie den Tod überdauern kann. (Ich danke Dir von Herzen, meine Lotti!)

Und die Arbeit mit Rio, eine Arbeit, die ich ein Jahr lang nicht mehr gemacht hatte, zeigte mir wieder, wer ich war. Brachte mich wieder in Kontakt mit mir selbst. Dafür war ich geschaffen worden! Und nicht um Streit zwischen Einstellern zu schlichten, ewige Diskussionen zu führen über "Decke rauf - Decke runter", mir Sorgen um Geld zu machen oder einer niemals endenden To Do Liste hinterher zu laufen. 

Und im Kontakt mit mir selbst, verstand ich wieder, warum ich ein „Pferdemensch“ bin und so unendlich viel Geld für sie ausgebe (so viel Geld, dass ich einen Hof kaufen musste): Weil ihre Seelen zu heilen unsere Seelen heilt. Weil ihre Natur uns unserer Natur näher bringt. Und weil es nichts Schöneres gibt, als mit einem solchen Zauberwesen gemeinsam durch den Wald zu reiten…

 

Ich bin immer noch nicht ganz zurück in meinen Schuhen; noch nicht ganz in meinem Kern angekommen. Aber Rio hat mir den Weg gezeigt. So wie ich ihm seinen Weg zeige. Und ich weiß inzwischen wieder, wo ich hinmuss und vor allem will. 

Allein schon der Umstand, dass ich nun hier sitze und schreibe, ist ein Meilenstein auf diesem Weg. Ich habe ein Jahr lang nicht mehr geschrieben. Ich hatte dazu weder das Bedürfnis, noch die Ruhe, noch habe ich mir dafür die Zeit genommen. Dabei ist Schreiben meine zweite Natur und gehört ebenso zu mir wie die Pferde. 

Es gibt noch viele äußere Herausforderungen. Das Knäuel ist noch nicht komplett entwirrt. Aber ich weiß nun wieder, was wirklich wichtig ist in meinem Leben. Und damit bekommt mein Leben wieder eine Richtung. 

Dafür danke ich Dir von Herzen, lieber Rio! Du bist ein Geschenk des Himmels! Und ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um Dir eine ebenso große Hilfe zu sein wie Du mir! 

 

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