Blog-Eintrag

Auf Menschen- oder auf Pferdeart?

09.07.2014 - 16:41
von Herdis Hiller
(Kommentare: 1)
URSACHE ODER SYMPTOME ANGEHEN?

Der Weg bestimmt das Ergebnis

Wenn wir unserem Pferd etwas beibringen, wenn wir Probleme lösen oder einfach nur Zweisamkeit genießen wollen, gibt es reduziert betrachtet zwei Möglichkeiten der Herangehensweise: Alles was wir tun, können wir auf Menschenart tun oder auf Pferdeart. Der Weg bestimmt das Ergebnis.

Also müssen wir uns zuerst fragen: Welches Ergebnis wollen wir erreichen? Überspitzt formuliert: Wollen wir ein gut dressiertes Zirkuspferd oder wollen wir einen Partner, auf den wir uns in allen Lebenslagen verlassen können? Wollen wir eine oberflächliche oder eine tiefe Verbindung entwickeln? Und was heißt das alles überhaupt?

Menschen und Pferde unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht: Pferde sind Flucht- und Beutetiere. Menschen sind Allesfresser – also auch Raubtiere. Pferde erkennen das Raubtier an uns sofort: Unsere Augen liegen nicht seitlich am Kopf sondern vorne. Wir nehmen eine einzige Sache ganz fest in unseren Blick, der Rest verschwimmt. Das Pferd versucht so viel wie möglich auf einmal wahrzunehmen. Wenn wir etwas wollen, gehen wir schnurstracks darauf zu. Ein Pferd nähert sich eher lateral. Wenn es brenzlig wird, machen wir zu: Wir halten gegen, ziehen, bleiben oftmals passiv. Ein Pferd „macht auf“: Es wird sofort aktiv, wirft den Kopf herum, bewegt sich, tritt die Flucht an. Aber auch in der Art des „Denkens“ unterscheiden wir uns: Während wir auf einer hohen Frequenz von Gedanken zu Gedanken springen, am liebsten zehn Dinge gleichzeitig klären möchten, bleibt das Pferd im Hier und Jetzt und gern bei einer Sache.

Was hat das für Auswirkungen auf unser Miteinander?

Wenn wir auf Menschenart geradewegs auf ein ängstliches Pferd zugehen, um es von der Koppel zu holen, wird dieses höchstwahrscheinlich flüchten. Wenn wir uns beim Ausritt in Menschenmanier nur auf den Weg konzentrieren und all die „Gefahren“ im Gebüsch nicht wahrnehmen, erweisen wir uns aus Pferdesicht als nicht vertrauenswürdig – was zur Folge hat, dass unser Pferd im Falle einer wirklichen Gefahr nicht auf uns hört, sondern allein versucht seine Haut zu retten. Wenn wir auf Menschenart ein durchgehendes Pferd versuchen festzuhalten, werden verbrannte Handinnenflächen und ein durch die Walachei galoppierendes anstatt ruhig bei uns stehendes Pferd möglicherweise das Ergebnis sein.

Kurz: Ich denke, wir würden gut daran tun, viele Dinge (nicht alle!) auf Pferdeart zu erledigen – schließlich haben wir es ja auch mit einem Pferd zu tun, dass uns verstehen soll, und nicht mit einem Menschen auf vier Beinen.

Dasselbe gilt für die Art des Lernens. Wir Menschen richten gern ab. Zum Beispiel durch Konditionierung – hier wird ein Reiz mit einer Reaktion verknüpft (Beispiel Pawlows berühmtes Hundeexperiment: Speichelfluss bei Glockenton). Oder durch positive und negative Verstärkung - anders ausgedrückt Belohnung und Strafe. Auf diese und ähnliche Art und Weise werden überall auf der Welt Drogenspürhunde, Blindenhunde oder Zirkuspferde ausgebildet. Das funktioniert gut. Die Frage ist aber: Ist ein Pferd denn auch ein verlässlicher Partner, weil es gelernt hat, z.B. auf Kommando einen Knicks zu machen, eine Tonne zu besteigen oder Hufe zu geben? Erlangen Mensch und Pferd durch solcherlei Kunststücke ein tiefe Verbindung? Vertraut das Pferd dem Menschen und lässt es sich von ihm anführen?

Um diese Frage zu beantworten, hier ein kleines Beispiel: Manche Pferde sind kopfscheu und lassen sich vor allem gar nicht an den Ohren anfassen. Hier lässt sich Konditionierung, positive und negative Verstärkung bzw. Desensibilisierung anwenden. Dies kann im besten Fall das Ohren-Problem lösen. Im schlechtesten Fall macht es das Problem noch schlimmer. Aber gehen wir einmal vom positiven Fall aus: Ein Pferd mit einem Ohren-Problem hat meist nicht nur dieses, sondern z.B. auch ein Hinterbein-Problem, es scheut, es lässt sich nicht einfangen und so weiter. Auf Menschenart die Probleme angehen, bedeutet oft jedes einzelne in mühsamer Kleinstarbeit nach dem anderen abzuarbeiten. Vielleicht werden Sie so kaum jemals "fertig werden". Warum? Weil diese Methoden meistens die Symptome des Problems angehen, aber nicht das Problem selbst.

Pferde in einer Herde, befreundete oder Stute und Fohlen, berühren sich überall – ohne dass einer daraus eine riesen Sache macht. Da gibt es keine „Kopfscheuheit“, kein „Hinterbein-Problem“. Das sollte uns Menschen stutzig machen. Das Problem scheint also erst in Kombination mit uns Menschen aufzutreten. Denn von uns lassen sich diese Pferde nicht an die Ohren oder die Hinterbeine fassen. Und sie scheuen vor einem Zweig, wenn WIR oben drauf sitzen, nicht aber, wenn sie in der Herde laufen.

Das eigentliche Problem scheint also ein viel tiefer liegendes: Das Problem liegt meist in der Beziehung zwischen uns und unserem Pferd. Wenn wir also – mal rein hypothetisch – so werden könnten wie ein Pferd, eine Pferde-Freundschaft mit unserem Liebling aufbauen könnten, dann gäbe es all diese kleinen Alltags-Probleme nicht mehr, oder? Wir müssten nicht mehr mühsam ein Problem nach dem anderen beseitigen. Ab einem bestimmten Punkt der Entwicklung in Richtung einer solch guten Pferdebeziehung, würden sich die meisten Probleme automatisch in Luft auflösen. Wir müssten sie gar nicht mehr explizit angehen, denn wir haben deren Ursache beseitigt.

Meiner Meinung nach gibt es also nur einen Weg, wenn man mit Pferden erfolgreich sein will: Den Weg auf Pferdeart. Die menschlichen Methoden können manchmal Impulse sein, wenn die Beziehung ins Stocken gerät oder beide einen neuen Denkanstoß brauchen – sie können aber nicht allein funktionieren. Nicht 100%. 100 % gibt es nur auf Pferdeart.

 

 

 

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Kommentar von Svenja |

 

 

Kommentar 1:

Hallo Herdis,

dein Artikel auf der Seite "Pferdeflüsterei" hat mich neugierig gemacht, wie dein Umgang mit Pferden aussieht. Leider kann ich aus deinem Artikel (und aus dem Artikel über Führung) nicht wirklich ablesen, wie für dich der Umgang auf Pferdeart aussieht, da du hauptsächlich Beispiele für Menschenart gibst. Ich gebe dir Recht, dass Konditionierung allein nicht ausreicht (man muss schon mit dem Herzen dabei sein), aber letztlich ist alles was wir tun positive oder negative Verstärkung. Und um eine Beziehung mit dem Pferd zu entwickeln, muss ich in irgendeiner Weise mit ihm interagieren. Dass Pferdefreunde sich gegenseitig überall berühren dürfen, ist quatsch. Beispiel Fellpflege: Obwohl es Pferde gerne mal zwischen den Hinterbeinen/Vorderbeinen, unterm Bauch, bei Wallachen gerne auch mal an der Schlauchtasche juckt, wird dort keine Fellpflege betrieben (sicherlich an alle Stellen kommen sie nicht dran). Ich als Mensch darf es aber und es werden durchaus die dollsten Verrenkungen angestellt, damit man auch ja an die hinterste Stelle gelangt(und diese Berührungen, die bei Pferden nur in anderen Kontexten vorkommen, stärken sehr stark die Beziehung zum Menschen). Auch das Hinterbeinproblem besteht ja nur, weil das Pferd in aller Regel schlechte Erfahrungen mit dem Menschen gemacht hat. Je nachdem wie ein Pferd auf ein anderes zu geht(bzw. sich dem Hinterbein nähert), lässt es diese Berühung auch nicht zu. Von daher finde ich die Reduzierung, dass man alles auf Pferdeart machen sollte, falsch (zumindest so, wie ich dich verstanden habe). Andererseits ist ein bloßes abrichten der Tiere sicherlich kein Garant dafür, dass es im Zweifelsfall bei dir bleibt. Darum geht es bei der positiven Verstärkung in der Regel aber auch nicht. Im Gegenteil, durch die vielen guten Erfahrungen, die das Tier mit dem Trainer gemacht hat, steigt die Wahrscheinlicheit, dass es auch in gefährlichen Situationen bei ihm bleibt, weil es gelernt hat, dass es sich lohnt beim Trainer zu bleiben. Nichts anderes machen Pferde, wenn sie ihrer Leitstute folgen: sie haben gelernt, dass es sich lohnt auf ihre Entscheidungen zu hören. Hätte es sich nicht gelohnt, wäre sie vermutlich auch keine Leitstute geworden, es sei denn sie hätte sich mit agressivem Verhalten durchgesetzt (was man ja leider auch sehr häufig in der Mensch-Pferde-Welt sieht). Beide Typen können in Herden beobachtet werden. Letzterer wird toleriert, ersterer wird respektiert, um noch einen kurzen Bogen zu dem Artikel über Führung zu spannen. Dort zählst du die Eigenschaften einer Leitstute auf( ich interpretiere das so, dass der Mensch, die auch haben sollte), sagst aber nicht mit welchen Methoden du dies umsetzt. Druck wurde ja eher zur negativen Seite gezählt, Belohnung/Strafe war in diesem Artikel aber auch eher negativ konnotiert. Von daher würde mich wirklich interessieren, wie dein Umgang aussieht. 3-4 Beispiele könnten da vielleicht schon helfen, um einen besseren Eindruck zu bekommen.

Antwort von Herdis Hiller

 

 

Antwort:

Liebe Svenja, 

vielen Dank für Deinen Kommentar und Dein Interesse an meiner Arbeit. :)

Du hast mich dazu inspiriert, einen Infotext dazu zu schreiben, wie ich arbeite. Denn du hast Recht: es ist wirklich wichtig, das zu vermitteln. Hier findest Du ihn: http://www.herdishiller.de/therapie-training/wie-ich-arbeite.html. Sowie eine Sammlung mit typischen Fragen an mich: http://www.herdishiller.de/therapie-training/fragen-antworten.html 

Was ich an unserer Welt sehr mag, ist die Vielfalt. Viele Wege führen zur Einheit mit dem Pferd - wir müssen uns nur den aussuchen, der zu uns passt. Darum erhebe ich keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder darauf, die ultimative Wahrheit zu vermitteln (die es nicht gibt). Das, was ich vermittle und schreibe, ist das was ich studiert habe, was meine Erfahrungen mir sagen und was ich glaube. Ich sehe die von Dir angeführten Beispiele einfach anders. Aber auch das ist eine schöne Vielfalt. Leider spreng es den Rahmen eines Kommentars, zu jedem Beispiel genau zu erklären, was ich meine. Aber vielleicht erschließt sich Dir mein Sinn im Verlauf der Serie. Wenn nicht, schreibe mir gerne eine Mail an post@herdishiller.de. Ich antworte Dir gern. 

Herzliche Grüße und Dir und Deinem Pferd alles Liebe

Herdis Hiller

 

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