Blog-Eintrag

Grenzüberschreitungen in der Pferdeszene

19.03.2020 - 11:54
von Herdis Hiller
(Kommentare: 1)

Ich kenne kaum ein „Hobby“ / eine „Szene“, in der so selbstverständlich Grenzüberschreitungen stattfinden wie in der Pferdeszene. Ich denke, fast Jeder von Euch kennt das: 

„Dein Pferd hat noch Stroh im Schweif!“

„Pass auf, dass musst du so und so machen!“

„Wieso machst du das auf diese Art und Weise? Das ist falsch!“

„Das darfst du nicht füttern. Du musst das und das füttern.“

„Ich habe gehört, dass…“

„Also ICH habe im Forum XY gelesen, dass…“

Und neben all diesen Einmischungen in persönliche Belange, die niemanden etwas angehen, und all den unangenehmen Ratschlägen und Belehrungen, um die man nie gebeten hat, kommt noch all das hinzu, was nicht direkt geäußert wird, sondern hinter dem Rücken anderer: 

„Uhhh, guck mal wie schlecht die reitet!“

„Der hat ja keine Ahnung!“

„So macht man das aber nun echt nicht!“

Und so weiter und so weiter und so weiter. 

Da meine Familie stets vielseitig interessiert war, hatte ich als Kind die Chance auch in andere Szenen einzutauchen. Und ich habe solche nahezu ritualisierten Grenzüberschreitungen für die es kaum ein Bewusstsein gibt und vor allem kein kritisches Hinterfragen nirgendwo sonst erlebt. Überall sonst kümmerte man sich entweder um das Team oder man kümmerte sich einfach um sich selbst - aber nirgendwo mischte man sich so selbstverständlich in die Angelegenheiten anderer ein wie in der Pferdeszene. Was ist da los? Warum schaffen so viele Reiter, Pferdeleute, Horseman usw. es nicht, sich um ihren eigenen Kram zu kümmern? Warum wird das nicht kritisch hinterfragt und reflektiert?

 

 

Warum ist das Normalzustand?

Gerade las ich ein Zitat von Leslie Desmont, das sicherlich gut gemeint aber letztendlich genau eine solche Grenzüberschreitung war. Das Zitat lautete wie folgt: „Niemals zuvor gab es eine Zeit, in der mehr Menschen Pferde besaßen und zugleich immer weniger von Ihnen verstanden.“ 

Inhaltlich will ich da jetzt nicht breit drauf eingehen, kann aber sagen, dass ich das anders sehe (man denke an frühere Methoden des Pferde-Brechens und als Sportgerät missbrauchen und die heutigen Änderungen des Bewusstseins in Hinsicht auf das Wesen Pferd), aber da will ich gar nicht drauf hinaus. Was mir das Zitat zeigt, ist, dass Pferdehalterbashing irgendwie so salonfähig ist, dass sogar eine Leslie Desmont sich nicht scheut dies öffentlich zu betreiben… 

"Nein, Danke!"

Nahezu jeder Pferdemensch, den ich kenne, wurde im Laufe seiner Zugehörigkeit zu dieser Szene immer wieder verletzt durch derlei Grenzüberschreitungen; doch kaum einer wehrt sich dagegen. Es gehört halt irgendwie dazu, was ich wirklich erschreckend finde. Der normale Menschenverstand, unser Gefühl und unsere Intuition erzählen uns was anderes: Wir alle brauchen unsere Individualdistanz - und das nicht nur körperlich und räumlich, sondern auch psychisch. Und doch fällt es den meisten Menschen unglaublich schwer, diesen persönlichen und so verletzbaren Raum auch zu verteidigen. Oder habt Ihr schonmal von jemandem gehört: „Wenn ich Deinen Rat benötige, spreche ich dich aktiv darauf an. Davon abgesehen, bitte ich von ungefragten Ratschlägen abzusehen!“ Oder „Du musst nicht verstehen, warum ich tue was ich tue. Du musst nur verstehen, warum du tust was du tust!“ Oder auch etwas schroffer: „Misch dich nicht in Angelegenheiten, die dich nichts angehen!“ Ich kenne bisher nur einen einzigen Menschen, der das gemacht hat. Und das war so ein Novum, dass ich es niemals vergessen werde. Und ich nehme mich da absolut nicht aus. Auch mir fällt das schwer. Auch mich kostet das jedes Mal Überwindung derlei Grenzen zu setzen, denn Harmonie ist mir sehr wichtig und ich möchte niemanden vor den Kopf stoßen. Aber leider führt Nichtssagen auch zu nichts. Veränderung geschieht nur, wenn man den Mund aufmacht.

 

Und ich meine mit Reiterbashing natürlich keine tierschutzrelevanten Vorgänge, die selbstverständlich angezeigt gehören. Das, was tagtäglich in deutschen Ställen abgeht, hat keinen tierschutzrelevanten Hintergrund. 

Doch welchen Hintergrund hat es dann?

 

Ich versuche mal eine These: 

 

Es gibt meines Erachtens nach in der Pferdeszene derzeit unter anderem zwei prägende Bewegungen: 

Zum einen die Sportreiterszene, die sich zum Teil für eine Elite hält, und auf andere Reiter verächtlich oder bemüht gnädig herabschaut. 

Zum anderen die Gegenbewegung: die, ich nenne sie jetzt mal, Horseman-Szene. Damit meine ich nicht die Bodenarbeitsleute der Parelli- oder Roberts-Nachfolger, sondern den Begriff „Horseman“ als bewusste Abgrenzung vom sportlichen, englischen Reiter. Im Sinne von: „Wir, die Horseman, die pferdegerecht denken und arbeiten und mehr wissen über Pferde, im Gegensatz zum schnöden Reiter, der außerhalb der sportlichen Dinge keine Ahnung hat.“ 

 

Beide „Seiten“ grenzen sich gegeneinander ab, indem sie die andere abwerten, denunzieren und runtermachen. So entsteht anstatt eines schönen Miteinanders ein ständiges Gegeneinander. (Kaum eine Szene frisst sich von innen so sehr auf wie die Pferdeszene…)

 

In der Psychologie gibt es dafür sehr einfache Erklärungen, die nicht unbedingt schmeichelhaft sind.

Denn die Psychologie sagt uns: Menschen, die anderen nicht auf Augenhöhe begegnen können, die andere systematisch abwerten, tun dies nur aus einem einzigen Grund: Sie haben ein schlechtes Selbstwertgefühl, fühlen sich minderwertig. Wer also auf der Selbstwertgefühl-Skala relativ weit unten liegt, hat zwei Möglichkeiten: Entweder er arbeitet an sich, und baut so mühsam das meist durch die Kindheit versaute Selbstwertgefühl wieder auf (ganz für sich und bei sich bleibend). Oder er wertet andere ab, nimmt ihnen ihren Wert, sodass er sich über sie erheben kann und sein eigener Selbstwert scheinbar ansteigt. 

 

Warum ist das gerade in der Pfedeszene so oft vertreten?

Naja, wer schafft sich denn (psychologisch gesehen) ein Pferd an? Die Psychologie sagt uns, dass Menschen im Außen versuchen zu kompensieren, was ihnen im Inneren fehlt: Was kompensiere ich also, wenn ich mir statt einer kleinen süßen Maus ein großes, kraftvolles, scheinbar unkontrollierbares Pferd anschaffe? 

(Natürlich gibt es noch viele andere Wege zum Pferd! Ich greife hier nur einen bestimmten heraus, um das Grenzüberschreitungsproblem zu illustrieren.)

 

Zuflucht & Halt bei den Pferden

Auch ich selbst, kann mich davon nicht lossagen (und will das auch gar nicht). Meiner Mutter zufolge war ich in meiner frühen Kindheit ein sehr offenes, fröhliches Kind, das positiv und freundlich auf jeden zugegangen ist (sehr offen, aber auch sehr sensibel). Doch als meine ausgebreiteten Arme, meine Offenheit dazu führte, dass ich verletzt wurde, habe ich mich zurückgezogen, mich verschlossen, bin schüchtern und vorsichtig geworden. Mein Selbstwert war verletzt. Dann kam ich mit Pferden in Kontakt. Und für mich tat sich, neben der psychologischen Vorgänge, auch eine Seelenwelt auf (die Pferde noch heute für mich bedeuten), denn ich spürte, dass Pferde diese Wunden heilen konnten. Pferde (vor allem das meine!) gaben mir in der Kindheit und im Erwachsenwerden den Halt, den ich brauchte. Und mit ihm das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl, das zu besitzen unerlässlich ist, um im Leben klar zu kommen. Denn natürlich ist es für ein kleines, hilfloses Kind etwas anderes, ob man einen starken, großen Partner an seiner Seite hat, oder eine kleine Maus auf der Hand. 

Ich suchte also unterbewusst das bei Pferden, was unterbewusst wahrscheinlich viele Menschen bei Pferden suchen. Denkt an berühmte Lebensgeschichten wie zB die von Buck Brannaman, der aus einer zerstörten Kindheit Zuflucht & Halt bei den Pferden fand. 

 

Und das ist auch gar nicht verwerflich! Wir alle dürfen um Hilfe bitten und sollten sie dankbar annehmen, wenn wir sie bekommen. Alle Lebewesen können einander helfen zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Das hat auch nichts mit ausnutzen zu tun, sondern ist ein Geben und Nehmen. 

Aber es erklärt eben, warum gerade unter Pferdeleuten so viele unterwegs sind, die ein schlechtes Selbstwertgefühl hatten oder haben. Von denen haben die, die sich nicht nur auf das Pferd verlassen haben, sondern ihren eigenen Zustand bewusst reflektierten und daran arbeiteten, heute kein schlechtes Selbstwertgefühl mehr. Und müssen darum nichts mehr kompensieren, müssen darum niemanden mehr abwerten oder ausgrenzen. Die, die das nicht getan haben, haben keine andere Wahl: Ihr Unterbewusstsein zwingt sie nach wie vor zu diesen Kompensationsmechanismen und Projektionen auf andere. 

 

Doch das kann keiner von außen ändern. Wir können niemanden zwingen, sich selbst zu reflektieren und an sich zu arbeiten. Auch für die, die unter der Denunzierung anderer stets gelitten haben, gilt das gleiche wie für die Grenzüberschreiter: Misch dich nicht in die Angelegenheiten anderer ein. In diesem Fall: misch dich nicht in das Selbstwertproblem anderer ein. (Zumal das wie gesagt eh nichts bringen würde. Echte Entwicklung geschieht nur von innen heraus - niemals von außen nach innen). 

 

Wie also sollen die, die unter den ständigen Grenzüberschreitungen in der Pferdeszene leiden, damit umgehen?

Was sollen sie tun? Man kann ja in der Regel nicht ständig den Stall wechseln oder sich von anderen komplett abkapseln. 

Ich denke, da hilft nur eines: Bei sich bleiben und aktiv die eigenen Grenzen schützen und verteidigen. Wir alle müssen lernen, mehr das zu sagen, was wir wirklich denken und wollen (allerdings auf eine freundliche und respektvolle Art und Weise): 

„Ich möchte jetzt keinen Rat.“ 

„Ich möchte mich nicht erklären.“ 

„Ich möchte die Dinge gerne so handhaben wie ich sie für richtig erachte.“ 

„Ich möchte nicht, dass du hinter meinem Rücken über mich sprichst.“

 

Und DAS wird etwas bewegen und verändern! Ihr bleibt ganz bei euch, greift den anderen nicht an, werten ihn nicht ab, aber indem ihr bei euch bleibt und eure Grenzen verteidigt, läuft der Kompensationsversuch der Grenzüberschreiter ins Leere. Das wird dazu führen, dass sie auf sich selbst zurückgeworfen werden - und damit die große Chance bekommen beim eigentlichen Problem anzusetzen und es zu lösen. 

Auch Stallbetreiber sollten dies meiner Meinung nach tun. Auch der Stallbetreiber muss Grenzen setzen, und zur Not auch die Einsteller gehen lassen, deren Grenzüberschreitungen die ganze Gemeinschaft beeinträchtigen. Auch das ist ein Signal, das zur Selbstreflexion dienen kann. 

 

Denn, wenn wir alle nichts tun, bekommt ein grenzüberschreitender Mensch ja auch keine Rückmeldung, keinen Impuls - wir geben ihm überhaupt keine Chance, sich weiterzuentwickeln. Ehrliche Rückmeldungen sind elementar, um weiterzukommen. Für uns alle.

 

Ich weiß, dass es schwer ist! Es ist schwer, klare Grenzen zu ziehen, denn fast alle von uns (vor allem die Frauen) wurden nicht so erzogen. Wir wurden für Harmoniesucht und Gefälligkeit erzogen, und nicht für das Setzen klarer Grenzen. Aber das heißt ja nicht, dass wir das nicht lernen können und sollten! Denn, das Leben ist doch genau dafür da: Jeder schaue auf seine eigenen Challenges und arbeite an ihnen, lerne, wachse und entwickle sich ewig weiter. 

 

Und dazu gehört auch, für sich da zu sein: die eigene Wunden, die durch Grenzüberschreitungen entstehen, zu erkennen, anzunehmen und liebevoll zu versorgen. Denn niemand sonst wird dies tun. Doch wenn wir uns unser selbst annehmen, werden wir stärker, standhafter und kommen mehr in die Lage, unsere Grenzen zu setzen. 

… und wir werden ein sehr viel besserer Pferdepartner als bisher. 

 

 

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Kommentar von Daniela |

Liebe Herdis,
ich habe nun alle Einträge auf dieser Website gelesen oder besser gesagt verschlungen. Ich nehme seit September letzten Jahres wieder Reitstunden, aber seit etwa 4 1/2 Jahren versuche ich, mich persönlich weiterzuentwickeln und mein Selbstwertgefühl zu verbessern. Meine Motivation war zunächst, dass ich meinen Kindern eine ausgeglichene, gelassene Mutter sein wollte, damit wir eine entspannte, liebevolle Beziehung zueinander führen können. Seit ich wieder reiten gehe, merke ich deutlich, wie gut mir das tut. Ich glaube auch, dass die Pferde mir zu reifen helfen. Ich fand deinen Artikel über die Rolle guter Führung augenöffnend. Gerade in Bezug auf das Bedürfnis nach Sicherheit. Nicht nur für Pferde. Die Eigenschaften einer guten Leitstute kann man auch auf Menschen übertragen. Wir sind schließlich alle soziale Wesen. Vieles kann ich mir irgendwie denken, aber du bringst alles auf eine wunderbare Art und Weise auf den Punkt. Ich antworte ausgerechnet bei diesem Artikel, weil leider auch Grenzüberschreitungen und Belehrungen zu meinem Repertoire an Verhaltensweisen gehören, die ich abzulegen versuche. Mir hilft es definitiv, wie du in deinem Artikel geschrieben hast, wenn mich jemand darauf anspricht und auf freundliche und bestimmte Art seine Grenzen aufzeigt. Es ist ja keine böse Absicht meinerseits, wenn ich mich irgendwo einmische. Es ist eher so, dass meine Wahrnehmung für die Grenzen anderer offenbar eingeschränkt ist. Tatsächlich meine ich es mit meinen Ratschlägen nur gut, aber wie du in dem Artikel zur Demut so schön geschrieben hast, gibt es nicht nur die eine Wahrheit. Das versuche ich mir immer wieder in Erinnerung zu rufen und hoffe, dass ich so den Drang zum Belehren in den Griff bekomme. Ich dachte, vielleicht ist es interessant, mal die andere Perspektive zu hören. Mir hilft es gelassen zu bleiben, wenn ich versuche, anderen keine bösen Absichten zu unterstellen. Und je mehr ich darüber weiß, wie andere "ticken", desto besser gelingt mir das.
Danke jedenfalls dafür, dass du uns an deinem Wissen und deinen Erfahrungen teilhaben lässt :)

 

 

Antwort von Herdis Hiller

Liebe Daniela, 

WOW! Was für ein toller Beitrag! Hut ab vor so viel Selbstreflexion und Entwicklungswillen! Das ist wirklich beeindruckend! 

Ja, ich finde auch, dass alle Lektionen des Lebens, die wir durch die Pferde erhalten, oftmals eins zu eins auf unser restliches Leben und unsere anderen Beziehungen übertragbar sind. Das ist ja das tolle! Wenn ich Pferde gut führen kann, kann ich auch Kinder oder zum Beispiel auch Mitarbeiter gut führen. Die Prinzipien sind grundsätzlich die gleichen. Und Selbstwertgefühl, das ich durch die Pferde lerne, hat einen wesentlichen Einfluss auf den Umgang mit anderen Menschen, im Beruf und im Privaten, und Einfluß auf das ganze Leben. Deswegen ist der Lohn so riesig, wenn man an sich arbeitet. Und wer einmal diese Dimensionen erkannt hat, hört damit auch nicht mehr auf ;) :D

Schön, dass du auf einem so tollen Weg bist! Chapeau!

 

 

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