Blog-Eintrag

Der Unterschied zwischen Geduld & Gelassenheit

13.10.2016 - 12:07
von Herdis Hiller
(Kommentare: 6)
Lina (eigentl. Galina), 08.2015

Wenn ich Trainings gebe, dann erkläre ich immer, wie wichtig unsere innere Haltung ist. Und dass wir uns immer wieder an das Wesentliche erinnern sollten. Dass wir immer wieder zu den Basics zurückkehren und bewusst inne halten müssen. Auch ich muss mir das immer wieder selbst in Erinnerung rufen: den Unterschied zwischen Geduld und Gelassenheit. Und dass Geduld wie eine Glühbirne ist - Gelassenheit hingegen der Strom. Ohne Gelassenheit kann die Geduld nicht zum Ausdruck kommen, kann das Licht nicht brennen.

Ich selbst bin ein gutes Beispiel für den Lernprozess, der diesem Unterschied zugrunde liegt:

Ich wurde als ungeduldige Person geboren und kam auch so ganz gut durchs Leben,... bis ich meine Lotti traf. Für sie musste ich Geduld lernen. Sonst hätte ich diese damals sehr kampfbereite, menschenablehnende Stute nie auf meine Seite bekommen. Das wurde vom ersten Tag an deutlich. Und tatsächlich war und ist Lotti meine beste Lehrmeisterin in Sachen Geduld. 

Ich lernte also geduldig zu sein. Und erwartete nun nach meinen inneren Fortschritten, die große Verhaltensänderung von Lottis Seite. Aber nichts geschah. Ich war erstaunt! Und frustriert! Da hatte ich all meine Kraft zusammen genommen und mein ungeduldiges Wesen gebändigt, und es machte kaum einen Unterschied. Also begann ich mich bei der Ausübung meines neuen geduldigen Selbst zu beobachten. Nach und nach dämmerte mir, dass der Weg wohl noch nicht abgeschlossen war. Ich stellte fest, dass ich wie ein Dampfkessel kurz vorm Explodieren war. Ich hatte meine Ungeduld nur diszipliniert und runter schluckt. Aber Energie verschwindet nicht, nur weil man sie nicht fließen lässt. Im Gegenteil! Ich war wie eine immerzu gespannte Saite - so musste ich mich auch nicht wundern, dass mein Pferd trotz aller Geduld, die ich aufbrachte, ebenso angespannt war. (Meine Energie = die Energie meines Pferdes.)

Kurz: Ohne Gelassenheit bringt uns Geduld überhaupt nicht weiter. Ich lernte also, dass Ungeduld nicht beiseite geschoben werden darf, sondern transformiert werden muss - in Gelassenheit. Und ich lerne es noch immer. Jeden Tag. Denn wirkliche Gelassenheit ist eine Kunst. Sie ist das Meisterniveau. Der Kilimandscharo der inneren Entwicklung. Ja, für die meisten von uns ist sie eine Lebensaufgabe. 

Und unser aller Leben ist voller Gelassenheitsproben, die uns immer wieder aufs Neue zum Lernen auffordern. Denn unser Job ist es nicht, morgen perfekt zu sein in Sachen Gelassenheit (und in allen anderen Lektionen auch). Unser Job ist es, immer wieder zu bemerken, dass wir vom Pfad abgewichen sind und immer wieder dahin zurückzukehren. Unsere innere Haltung ist ebenso wie unsere Emotionen nicht dazu gedacht, zu stagnieren, auf einem Niveau zu verharren. Die Kunst ist fort zu treiben, sich mitreißen zu lassen, zu leben, aber auch immer wieder zur Quelle zurück zu schwimmen. 

Da geht es mir nicht anders als Euch auch:

Ich reite gerade meine kleine Trakehnerstute Lina ein (Lottis Adoptivtochter). Sie ist ebenso wie die Ziehmama ein kleiner Wirbelwind: Ganz viel Erfahrung mit dem Gaspedal und sehr wenig mit der Bremse - ein kleines Hippelchen eben. (Wobei „klein“ relativ ist, weil sie mich inzwischen deutlich überragt - siehe Foto.) Heute morgen saß ich also wieder auf diesem schwarzen Pulverfass und übte mich in Engelsgeduld. Aber es half nichts. Lina eilte im Stechschritt durch die Halle als gäbe es einen Preis zu gewinnen für den, der als Erstes da ist. Plötzlich wurde ich mir meiner Gedanken und meiner inneren Haltung gewahr und bemerkte, dass ich angespannt war. Ich atmete flach, mein Muskeltonus war zu hoch und ich befand mich vor allem in meinem Kopf. „Hui!“, dachte ich, „voll in die Falle getappt!“ Schnell entspannte ich mich wieder bewusst, nahm ein paar tiefe Atemzüge, leerte meinen Kopf und kehrte in meinen Bauch zurück - und zack, Lina wurde ruhiger und verfiel in einen entspannten Schritt. 

Und auch jedes Pferde-Mensch-Paar, das ich berate, kommt irgendwann (und dann immer wieder) an diesen Punkt: An dem man formal alles richtig macht, und das Pferd trotzdem nach wie vor das gleiche Verhalten zeigt. Und immer wieder ist es die Gelassenheit, die innere Haltung der Ruhe, der Souveränität und der Klarheit, welche den großen Unterschied macht. Plötzlich kommt Frieden in die Augen der Pferde, in ihre Bewegungen, ihre Atmung und ihren Geist. Die Gesichter entspannen sich, ein ganz tiefer Atemzug, und plötzlich ist ganz viel möglich. 

Ich liebe diese Momente! Freut Euch über jeden von ihnen und ärgert Euch nicht über die anderen, in denen es Euch nicht gelingt, gelassen zu sein. Denn dort, wo Ihr hinseht, werdet Ihr ankommen. So wie wir alle. 

 

Herzlichst!

Eure Herdis

 

 

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Kommentar von Steffi |

Ein ganz toller Bericht, den ich zu 100% bestätigen kann. Mein Lehrpferd begleitet mich auch schon 7 Jahre und hält mir immer wieder den Spiegel vor - unbeschönt und prompt. Wir müssen einfach nur zuhören... dann können wir noch sehr viel über uns selbst lernen. :-)

 

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Antwort von Herdis Hiller

Vielen Dank, liebe Steffi! :)

Es gibt kaum einen ehrlicheren Spiegel, nicht? Aber es ist auch der schönste! :)

Ganz liebe Grüße

Herdis

Kommentar von Claudia |

Liebe Herdis,
Ein wunderschöner Artikel. :) Danke! :)

Ja oft liegt in der Arbeit mit Pferden auch sehr viel an uns. Es ist sehr wichtig diese Dinge zu erkennen, sie sich einzugestehen und daran zu arbeiten.

Gerade das Thema Stress & Ungeduld kommt mir sehr bekannt vor. :)

Liebe Grüße Claudia

 

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Antwort von Herdis Hiller

Liebe Claudia, 

vielen lieben Dank! :)

Ja, der Weg zur Perfektion ist lang... ;) :D Aber wir arbeiten ja täglich dran, stimmt's? ;)

Ganz liebe Grüße

Herdis

Kommentar von Constanze |

Ein großartiger Artikel!
Auch, wenn meine bisherige Erfahrung mit meiner Geduldslehrmeisterin die ist, dass auch tiefes Atmen - zumindest für mich - noch nicht ausreicht, um wirklich gelassen zu sein oder zu werden. Erst gestern musste ich feststellen, dass tiefes ruhiges Atmen funktioniert, mein Körper aber dennoch unter Spannung und Strom steht, erst mit Lösen meines angespannten Körpers zeigte auch meine Stute, dass etwas davon bei ihr angekommen ist. Und selbst mit Atmung und Lösen der Anspannung im Körper, im Kopf sitzt sie trotzdem... Übung macht den Meister, oder? Ich nehme gerne jedes Rezept gegen Anspannung im Kopf entgegen!

 

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Antwort von Herdis Hiller

Liebe Constanze, 

vielen Dank für Deinen Kommentar. :)

Ja, Atmen ist nur ein Teil der Lösung. Du kannst Deinen Körper aber darauf konditionieren, dass tiefes Atmen auch Deinen Körper und Deinen Geist entspannt. Am leichtesten kann man das durch Meditieren lernen. Und manchmal ist es hilfreich, der Anspannung einfach zu erlauben, da zu sein. Lass sie fließen, lass sie zu, wie alle anderen Emotionen auch, und sie geht von allein. 

Ja, Übung macht den Meister ;) 

Herzliche Grüße

Herdis

Kommentar von Hilke |

Wundervoll!

Ich habe im September 2016 eine Jütländerin in gutem Gesundheits- aber eher nicht vorhandenem Pflegezustand erworben.
4,5-jährig und bislang nur in der Herde gelaufen. Der Transport zu mir war Halfterpremiere und Strickführung kannte sie erst recht nicht. Dementsprechend hatte sie leider auch z.Teil schwere Verletzungen erlitten und ist hier auf der Koppel dem "Lieferanten" mit einem 15 Meter langen Seil um Hals und Halfterring ausgebüchst.
Was für ein Start!
DER STRICK MUSS AB!
Ich war mit einem Teppichmesser bewaffnet...Saß 2 Stunden auf der Koppel. Solange hab ich Ihr gegeben um zu schauen wer ich bin und wie ich bin, bis ich spürte, dass ich mich bewegen kann. Nahm den Strick und nutzte den Rückwärtszug der Stute um das Messer hinter den Strick zu legen und ließ sie ihn selbst abschneiden. Als der Druck weg war, drehte ich mich sofort um und sie folgte ,mir wieder. Die Schlinge um den Hals und das Halfter nahm ich mir für die nächsten Tage vor.
Ich hatte gesehen: Der Schmied muss ganz schnell an die Hufe!
...Sie muss sich wieder halftern lassen, am Strick gehalten werden können, die Füsse heben und aufhalten... tief atmen, klar werden und sinnvoll anfangen.
kennenlernen und überall anfassen.
Und immer nach Gefühl...Das Pferd ist wild, wiegt 800 kg, kennt es nicht berührt zu werden und ich bin meistens allein mit Ihr und den anderen Pferden.
Ich habe gemerkt, daß ich mich und damit das Pferd unter Druck setzen kann, wenn ich zu viel von dem Tag erwarte, zu viel erreichen muss, zu schnell vorwärts gehe. Die Zeit zum Spüren, Sehen, Lernen und Vertrauen MUSS man sich und dem Tier geben. Das lese ich aus dem Satz:

Denn unser Job ist es nicht, morgen perfekt zu sein in Sachen Gelassenheit (und in allen anderen Lektionen auch). Unser Job ist es, immer wieder zu bemerken, dass wir vom Pfad abgewichen sind und immer wieder dahin zurückzukehren.

Ist irgendwie auch ein bißchen wie: nimm 2 Schritte auf einmal und fall auf ...

Nicht nur der Moment in dem man angespannt ist, sondern das "warum eigentlich" sollte hinterfragt werden. Vielleicht verlangt man manchmal auch einfach nur zu viel von sich, weil unsicher sein nicht sein kann?

Ich bin kein Profi, und mein Pferd und ich lernen alles zusammen, miteinander und voneinander.
Am 06 Dez. kommt der Schmied und ich werde sie am Strick vorstellen.
Sie wird die Vorderhufe geben und beschneiden lassen. Da bin ich mir sicher.

Wenn ich mal ungeduldig bin, dann hole ich mir mal jemanden dazu, der auf mich achtet.

Immer daran denken: Man bekommt nie das Tier, das man sich wünscht. Sondern immer das, das man braucht ;-)

Mein Therapeut heißt übrigens ULLA

 

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Antwort von Herdis Hiller

Liebe Hilke, 

vielen Dank für Deinen Bericht! Das machst Du toll! Ich freue mich sehr, dass Du Dich diesem Pferd angenommen hast. Und ja, ich denke, dass Pferde und Menschen immer aus einem bestimmten Grund zusammen finden. Du darfst lernen, sie darf lernen - das ist doch großartig!

Ich wünsche Euch einen schönen gemeinsamen Weg. Und ich bin überzeugt, dass sie am 06. Dezember ruhig stehen und sich die Hufe machen lassen wird! :)

"Mögen die Grenzen an die Du stößt, einen Weg für Deine Träume offen lassen." (Irischer Segensspruch)

Ganz liebe Grüße

Herdis

Kommentar von Tanguy |

Toll. Ich reite nicht, aber dennoch hat mich deine Erkenntnis bewegt und inspiriert. Vielen Dank :)

 

 

 

Antwort von Herdis Hiller

Das freut mich sehr! :)

Kommentar von Ernst Frank |

Liebe Herdis,
danke für die Weitergabe deiner Erkenntnis zwischen Gelassenheit und Geduld. Obwohl ich mit Pferden erst einmal richtig Kontakt hatte, kann ich deine Ausführungen sehr gut verstehen. Ich mache gerade eine "Werte-Spiel", bei dem ich etwa 100 Werte auf eine Handvoll Werte reduziere... Deshalb recherchierte ich nach dem Unterschied zwischen Gelassenheit und Geduld.
Eine Anmerkung erlaube ich mir auf eine deiner Antworten zu geben. Du schreibst "Ja, der Weg zur Perfektion ist lang... " Ich denke, wenn wir Menschen vollumfänglich authentisch sind, also unsere Natürlichkeit ganz und gar leben, dann sind wir vollkommen in unserem SEIN, dann ist das vollkommen sein. Perfektion braucht dann gar nicht angestrebt zu werden, da es sie ohnehin nicht gibt.
Ich wünsche dir und deinen Pferden alles erdenklich Gute, vor allem Liebe, Gesundheit, Freude und Gelassenheit.
Herzlichen Dank und liebe Grüße
Ernst

Antwort von Herdis Hiller

 

 

Lieber Ernst, 

vielen Dank für Deinen Kommentar und Deine interessante Sichtweise! :) 

Das Thema "Perfektion" sehe ich anders, wobei ich verstehe und gutheiße, was Du meinst und damit bezwecken möchtest! Für mich ist Perfektion im spirituellen Sinne mit "Erleuchtung" gleichzusetzen - dem Punkt in der Unendlichkeit, an dem wir uns mit Fragen der Geduld nicht mehr beschäftigen müssen ;) :D ... insofern ist der Weg ja wirklich seeehr lang ;) :D

Liebe Grüße

Herdis

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