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Charakterspezifisches Training

01.03.2017 - 12:15
von Herdis Hiller
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Die beste Möglichkeit ein talentiertes Pferd zu demotivieren oder sogar gegen den Reiter aufzubringen, ist, es in ein Schema zu drücken, in das es nicht passt. Wenn wir zum Beispiel ein reizempfindliches, nervöses und hochsensibles Pferd an einem Tag mit zu vielen Lektionen und Reizen überfluten, wird es dicht machen müssen, um seine innere Balance nicht zu verlieren. Der Lerneffekt ist also im Positiven keiner, kann aber viel Schaden anrichten, der dann in langwierigen Therapiestunden korrigiert werden muss oder sogar dazu führt, dass das Pferd als "unrittig" aussortiert wird.

Oder wenn wir ein sehr intelligentes Pferd jeden Tag mit der gleichen Lektion nerven, sein Intellekt also unterfordert ist, wird es irgendwann abschalten, sich wiedersetzen oder Verhaltensstörungen entwickeln. Wenn wir allerdings bei einem Pferd, das nur langsam lernt und Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren, zu schnell vorgehen, wird es sich überfordert fühlen und demotiviert sein. Zwei gegensätzliche Gründe - das gleiche Ergebnis: ein Pferd, das nicht lernfähig ist und nach einer gewissen Zeit überhaupt nicht mehr lernen mag.

An diese Hintergründe sollte man unbedingt denken, bei scheinbar zusammenhanglosen Schwierigkeiten mit dem Pferd wie: sich nicht einfangen lassen auf der Weide, Zappeln beim Aufsatteln, nicht still stehen beim Aufsitzen und so weiter. Denn warum sollte ein Pferd Lust auf ein Training haben, das über- oder unterfordernd, demotiovierend oder verwirrend und im schlimmsten Falle konfliktbeladen ist? Ich würde auch nichts lernen wollen, wenn ich schon vorher wüsste, dass ich meinem Lehrer eh nichts recht machen kann.

 

Wie Ihr zum richtigen Trainingsplan finden könnt

Der Beginn eines erfolgversprechenden Trainingsplans besteht also darin, zu verstehen, wer das individuelle Pferd eigentlich ist. Als Richtschnur kann die Auflistung von Persönlichkeitsmerkmalen dienen, die ich in diesem Artikel einst zusammengefasst habe: Hier gehts zum Artikel "Die Persönlichkeit erkennen".

Daraus folgt: Finde heraus, wer Dein Pferd ist und schneidere die Anforderungen ganz individuell zu. Grundsätzlich gilt: wenn wir versuchen, den Charakter des Pferdes zu regulieren oder zu unterdrücken, geht dies zu Lasten von Motivation, Losgelassenheit und Kooperationsbereitschaft.

Hier ein paar Ideen dazu:

Trainingsvoraussetzungen für extrovertierte Pferde

Extrovertierte Pferde sind meist schnell zu begeistern, lieben Herausforderungen und drücken sich gerne überschwänglich aus. Das Training sollte also möglichst abwechslungsreich sein und dem Körper die Möglichkeit bieten, sich im großem Rahmen "zu entfalten". Je nach Vorliebe des Pferdes sind das große Bewegungen, deren Ausführung wenig Disziplin erfordert. Wichtig ist, von extrovertierten Pferden keine andauernde Konzentration zu verlangen, denn das können diese Charaktere in der Regel nicht so gut - sie lassen sich gerne ablenken und das sollte auch bis zu einem gewissen Grad toleriert werden, um die Motivation zu erhalten. Im Idealfall sollte das Trainingskonzept genau diese Eigenschaft nutzen und sie fördern.

 

Trainingsvoraussetzungen für introvertierte Pferde

Ganz anders bei introvertierten Pferden. Sie hassen in der Regel die großen Gesten und lieben die kleinen Details. Sie können sich sehr gut und länger konzentrieren und möchten gerne an einer Sache dran bleiben. Für sie wäre es eine Qual, wenn sie ständig von einer Lektion zur nächsten springen müssten.

 

Geschlechterspezifisches Training

Wallache, Hengste und Stuten unterscheiden sich bereits aufgrund ihres Geschlechtes sehr voneinander. Die sollte auch beim Training berücksichtig werden, weil es wesentlichen Einfluss auf den Charakter hat: Männliche Tiere haben in der Regel mehr Lust auf Spiel & Spaß, ein Training sollte also für diese spielerisch gestaltet sein. Stuten sind oftmals zu ernsthaft und zu "erwachsen" zum Spielen. Von einer Stute kann man schon einmal eine "hochgezogene Augenbraue" ernten, wenn man sie zum spielen auffordern will. Weibliche Pferde haben meist ein sehr gutes Körpergefühl, sind aber auch sehr beschützend in Hinsicht auf ihren eigenen Körper - dies sollte man immer berücksichtigen. Stuten kann man z.B. durch Komfort motivieren wie Widerristkraulen bei einer lange Schrittpause und viel Lob. Manche Hengste sind typische "Poser" und möchten sich gerne effektvoll in Szene setzen - gib ihm diese Möglichkeit und "bewundere" seine Schönheit und er wird alles für Dich tun :D Ich habe schon hengstige Wallache oder Hengste gesehen, die bei Applaus 10 Zentimeter größer wurden ;) :D

 

Sensibilität & Reizempfindlichtkeit als Richtwert für's Training

Dieser Aspekt ist besonders wichtig, denn Fehler in diesem Bereich können zu dauerhaften Schäden führen. (Einer der Gründe, warum ich Laien bei der Pferdeerziehung immer rate, niemals mit Reizüberflutung zu arbeiten... und auch grundsätzlich nichts von derlei Maßnahmen halte.)

Sensibilität zeigt sich auf viele verschiedene Arten: Es gibt sehr hautsensible Pferde; diese sollten zB besonders fein und vorsichtig geritten werden und mit möglichst wenig Hautkontakt (ein ständig treibender Schenkel wäre für ein hautsensibles Pferd zB ein Graus). Es gibt sehr geruchssensible Pferde, deren Lernfähigkeit durch das starke Parfum des Reiters schon deutlich herabgesetzt sein kann. Geräuschsensible Pferde hingegen benötigen eine möglichst ruhige Umgebung, um konzentriert arbeiten zu können, und sollten auch nur sehr leise und sehr selten stimmhaft angesprochen werden. Emotional sensible Pferde sollten fast nie getadelt und niemals bestraft werden. Wenn Sie etwas nicht richtig machen, verstehen sie dies bereits, wenn es einfach kein Lob gibt. Machen Sie etwas richtig, dann ganz viel leises Loben. Grundsätzlich sehr reizempfindliche Pferde (meistens schrecklich überzüchtete Rassen und Linien) sind extrem schwer erfolgreich zu trainieren und gehören nur in Profihände, da sie sehr schnell komplett "overloaded" sind und mit überschiessenden Reaktionen antworten können, die für das Pferd selbet und für den Reiter gefährlich werden.

Nun könnte man denken, dass ein wenig sensibles, reizunempfindliches Pferd (Phlegmatiker) sehr hart angepackt werden könnte und ich habe schon Trainer gesehen, die das bei solchen Pferden auch tun mit der Begründung, dass die Nervenenden bei solchen Tieren (zB Robustrassen) deutlich tiefer liegen und die Schmerzempfindlichkeit nicht so hoch ist.
... was für eine Begründung... Demnach dürfte ich einem Gelähmten ja auch das Bein abhacken - er merkt es ja nicht (entschuldigt das drastische Beispiel). Ein Pferd, das weniger reizempfindlich ist, benötigt einfach nur eine sehr deutliche Sprache und sehr sehr klare Anweisungen... und dann Geduld. Wenn es also nicht tut, was Du willst, dann bist Du entweder kein guter Anführer oder Deine Signale waren nicht deutlich genug.
Und es sollte niemals zwei Dinge parallel lernen oder bedenken müssen. Eine Sache zur Zeit, ganz einfach und mit deutlichen Gesten erklären (zur Not auch des Öfteren) und dann warten bis eine Reaktion kommt. Nicht hetzen! Diese Pferde sind großartige Lehrmeister in Sachen Geduld. Das heißt: wer ein ungeduldiger Typ ist, sollte sich niemals ein phlegmatisches Pferd anschaffen. Es sei denn, er möchte unbedingt an seiner Geduld arbeiten ;)

 

Weitere Trainingsvoraussetzungen

Diese Liste ließe sich noch unendlich weiter fortführen. Denn wie gesagt, jedes Pferd ist ein Individuum mit einer einzigartigen Zusammenstellung verschiedener Eigenschaften. Es geht mir hier also nicht darum, Euch allgemeingültige Richtlinien zu vermitteln, sondern darum, den Blick zu schärfen auf den Charakter Eures Pferdes und die Notwendigkeit, diesem jeden Tag Rechnung zu tragen... zumindest wenn Ihr Problemen vorbeugen und erfolgreich zusammen arbeiten wollt.

Hierzu könnt Ihr Euch einfach eine Liste machen mit all den Besonderheiten Eures Pferdes und den Anforderungen ans Traininig, die durch diese Eigenschaften erwachsen. Das schöne dabei ist, dass Ihr Euer Pferd dadurch noch besser kennenlernt und Eure Verbindung deutlich enger und harmonischer werden wird.

 

Habt viel Spaß beim Kennlernen und erkennen, dass Euer Pferd noch viel toller ist, als ihr bereits dachtet :)

Herzlichst!

Eure Herdis

 

 

copyright Foto: photo-equine shutterstock.com

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